Schweiz: Strubel-"Probedrucke" neueren Datums ...

Ab den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts tauchen hin und wieder, bis zu dieser Zeit, völlig unbekannte Einzelabzüge von allen sieben Strubel-Wertstufen (2 Rappen bis l Franken) im Handel auf. Meist werden diese "farbigen Handabzüge mit Einzelklischee" als Probedrucke angepriesen. Es handelt sich um Drucke von Einzelmarken auf kleineren Böglein von 9,5 cm Breite und 13,3 cm Höhe.

Farbige Urprobe (Handabzug) auf gelblichem Papier (0,06-0,07mm)

Abb. 1 Einzelabzug 1-Franken-Strubel

Eine genaue Analyse des Druckes zeigt, dass diese Abzüge nicht mit Einzelklischees, sondern mit den Original-Patrizen III (1) der einzelnen Wertstufen (Abb. 3) ge-druckt worden sind. Der dicke farbige Markenrand und dessen abgeschrägte Ecken weisen zweifelsfrei auf die erhabenen und somit farbgebenden Teile der Patrize III hin. Zwar sind die neu aufgetauchten "Proben" in den Grandfarben der Originalmarken gehalten, ihre genauen Farbtöne können jedoch weder bei den Münchner noch bei den Berner Originalstrubeln gefunden werden.
Auffällig ist ihr aussergewöhnlich starkes Relief, vor allem auch im Textrahmen. Eine solch gute Prägung kann sich nur durch die Verwendung von genau abgestimmten Prägeklischees als Gegendrackplättchen ergeben. Aus den Korrespondenz-Unterlagen der Strubelzeit geht aber klar hervor, dass solche Metallproben nur für die ersten Münchner Markenproben mit provisorischen Wertziffern (Abb. 4) und für den definitiven 40-Rappen-Wert (Abb. 5) vom Bayerischen Münzmedailleur Friedrich Voigt hergestellt und nach Bern geschickt wurden.

Abb. 2 Teilvergrösserung von Abb. 1


Abb. 3 Patrize III für 1 Franken-Strubel


Abb. 4 10-Rappen-Metallprobe des provisorischen Markenbildes

Abb. 5 40-Rappen-Metallprobe des definitiven Markenbildes

Hinweise auf diese "Neuentdeckungen" finden sich auch nicht in den Schweiz Handbüchern von 1909, 1914 und 1924 (2) oder im Katalog der Schweizer Probedrucke von Max Hertsch aus dem Jahre 1971 (3).
Auch in meiner eigenen Monographie von 2004 über die Strubel Probedrucke werden diese Markenböglein mit keinem Wort erwähnt. Eine Gegenüberstellung mit den Originalmarken zeigt aber, dass es sich auch nicht einfach um Fälschungen handeln kann, da für ihren Druck zwingend die Original-Patrizen III verwendet werden mussten.
Des Rätsels Lösung finden wir in den Unterlagen der ehemaligen PTT-Wertzeichensammlung, die heute im Museum für Kommunikation in Bern archiviert sind. Zwar besitzt auch das Museum keine dieser angeblichen Strubelproben, doch bringen die Registerkarten des Bildmaterial Verzeichnisses (Abb. 6) interessante Hinweise: Für jede Wertstufe wird hier ganz am Ende auf die Existenz von Bleiprägungen hingewiesen mit dem geheimnisvollen Verweis "hergestellt 16.2.71 bei W". 1871 oder 1971, das ist die Frage!

Abb. 6 Registerkarte der Wertzeichensammlung PTT für die 5-Rappen-Strubelproben

Die abgebildete Karte des Bildmaterial Verzeichnisses weist in den Bemerkungen zu Ziffer 7 noch ein zweites Datum auf, nämlich den 23.4.45. Es ist klar, dass es sich hierbei nicht um 1845 handeln kann. Und in der Tat, an der Müller-Auktion vom 23. April 1945 wurde vom Postmuseum das Los Nr. 361 ersteigert.
Es handelte sich um eine echte 5-Rappen-Strubel-Farbenprobe in Blau, die sich auch heute noch in den Beständen der PTTSammlung befindet (Abb. 7). Wir können somit zweifelsfrei annehmen, dass im Jahre 1971 von allen Strubel-Original-Patrizen III je eine Bleiprobe hergestellt wurde (Abb. 8). Auch diese Metallabgüsse sind immer noch im Besitze des Museums für Kommunikation.

Abb. 7 Münchner 5-Rappen-Probe Strubel-Farbprobe in Blau

Mit grösster Wahrscheinlichkeit stammen auch die im Handel aufgetauchten Einzelabzüge aus dem Jahre 1971. Wir können davon ausgehen, dass der ominöse "W" anlässlich der Erstellung von Bleiproben die Gelegenheit genutzt hat, um diese gleich auch zu testen. Hierbei musste er lediglich die Patrize III einfärben und das zu bedruckende Papierböglein mit der neu erstellten Bleiprobe dagegen pressen, um einige wunderschöne "Privatstrubel" herzustellen. Denn nur auf diese Weise lässt sich das ausgeprägte Relief dieser Druckabzüge erklären.


Abb. 8 1-Franken-Beiabguss von Patrize III

Da sich in der PTT-Sammlung keine solchen Druckböglein finden lassen, dürfte dieser "Test" wohl ohne Kenntnis und Einwilligung der Post erfolgt sein. Deshalb werden diese Erzeugnisse im kommenden Strubel-Handbuch 2005 als "private Neudrucke mittels Originalpatrizen" eingestuft. Eine vertiefte Analyse des bedruckten Papiers und der verwendeten Druckfarben bestätigt diese Qualifizierung. Sowohl das bräunlichweisse, stärkefreie Papier von 0,065 mm Dicke, das bildseitig einen feinen matten Glanz aufweist, als auch die synthetischen Druckfarben können nicht aus dem 19. Jahrhundert stammen.
Wer aber war der mysteriöse "W" und weshalb wurden im Jahre 1971 mit den Originalpatrizen solche Bleiabzüge hergestellt? Die verantwortlichen Personen des Museums für Kommunikation wissen auf diese Fragen keine Antwort. Vielleicht jedoch ein Leser meines Berichtes ...
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1) Hätte man Einzelklischees benutzt, so wären ganz normale Marken-Randlinien ausgedruckt worden, was bei den fraglichen Abzügen jedoch nicht der Fall ist. Detaillierte Angaben über die Herstellung und die Verwendung von Patrizen, Matrizen und Druckstöckchen (Klischees) zur Strubel-Fabrikation finden sich bei Urs Hermann, Die Probedrucke der Sitzenden Helvetia ungezähnt 1851-1862, Wettingen 2004, S. 3 ff.

2) Vgl. Ernst Zumstein, Spezial-Katalog und Handbuch über die Briefmarken der Schweiz, 1. Auflage, Bern 1909, S. 164 ff.

und desgl. 2. Aufl., Bern 1914, S. 195 ff.

sowie A. Hertsch/F. Füri. Spezial-Katalog und Handbuch über die Briefmarken der Schweizerischen Eidgenossenschaft, 3. Aufl., Bern 1924, S. 287 ff.

3. Vgl. Max Hertsch, Katalog der Probedrucke (Essais), in: Berner Briefmarken Zeitung 1971, Nummer 9, S. 136 ff.