Sukzessive Länder - Mischfrankaturen
Die Beschäftigung mit Frankaturen ist für den postgeschichtlich orientierten Philatelisten das tägliche Brot und darüber wurde und wird viel, auch in dieser Zeitschrift, geschrieben. Insbesondere die Mischfrankaturen, vor allem aber die interessanten und optisch meist attraktiven Länder-Mischfrankaturen, haben die Sammlerwelt seit je fasziniert. Dabei wurde üblicherweise unterschieden, ob die Postwertzeichen, die die Mischfrankatur bilden, zusammen und zugleich abgestempelt wurden (sie galt als höherwertige, sozusagen "echte" Mischfrankatur), oder ob doe Entwertungen zu verschiedenen Zeitpunkten und/oder von verschiedenen Postämtern vorgenommen wurden. Letztere, meist durch Nachsendung veranlasste Frankaturkombination, gilt als kommuner und wird als häufiger angesehen. Dass eine genaue Analyse der Belege mittels postgeschichtlicher Kriterien zu differenzierten Ergebnissen führt, soll der folgende Beitrag zeigen. Ich unterscheide vorerst einmal zwischen "Frankierung" und "Frankatur": Eine Frankierung erfolgt bei der Absendung eines Poststückes in der Absicht, die Postgebühren (möglichst) vollständig bei der Aufgabe zu bezahlen. Die Postgebühr selbst besteht wieder aus der Beförderungsgebühr, die meist entfernungs- undgewichtsabhängig ist, sowie gegebenenfalls Nebengebühren ("Qualifikationen"), wie z.B. für Einschreiben, Expresszustellung, Flugbeförderung etc. Ein erfolgreiche "Frankatur" liegt also dann vor, wenn bei der Abgabe des Poststückes alles "frei" ist, die Frankierung also vollständig erfolgt war. In dem allermeisten Fällen entspricht die Frankatur also der Frankierung. Eine Unterfrankierung löst in der Regel eine Portoeinhebung beim Empfänger aus, meist unter Zurechnung einer weiteren Gebühr, der "Zutaxe", alles zusammen häufig und umgangssprachlich "Strafporto" genannt. Es gibt aber Fälle von Nachsendungen von Poststücken aus einem begünstigten Tarifbereich (z.B. Lokalbereich) in den Bereich der Normaltarife, wo nur die Differenz in der Beförderungsgebühr (und eventuell ebenfalls begünstigter Nebengebühren), aber, zumindest in Österreich, keine "Zutaxe" eingehoben wurde. Nun kam es aber auch vor, dass bei der Nachsendung in den höheren Gebührenbereich die Gebührendifferenz vom Nachsender mittels Postwertzeichen frankiert wurde. (Abb. 1) Hier haben wir nun den Vorgang, wo unsere Analyse ansetzt: Vom Erstaufgeber wurde eine Frankierung für den Lokalrayon vorgenommen. Das Poststück wurde zugestellt, konnte jedoch den eigentlichen Adressaten nicht erreichen, der sich im Fernrayon befand. Nun folgte ein weiterer Frankierungsvorgang, die sogenannte "Ergänzungsfrankierung", die die ursprüngliche Lokal-Beförderungsgebühr auf die Höhe der Ferngebühr anhob (und wohl meist von einem Familienangehörigen oder sonstigen Hausgenossen vorgenommen wurde) Beide Frankierungsvorgänge (ursprüngliche Frankierung und ergänzende Frankierung) zusammen bilden nun die Frankatur des Poststückes (Abb. 2 Grafik)
Abb. 2
Abb. l Brief, aufgegeben in Wien am 16.01.1902 nach Wien, frankiert mit 6 Heller Marke für den Lokalrayon. Adresse Wien Opernring gestrichen und umadressiert nach Brunn, Mähren (oben links). Ergänzungsfrankierung mit 4 Heller (3 H+l H.- Marke) auf die Gesamtfrankatur von 10 Heller für einen InlandsFernbrief
Erst-Frankierung (Gesamt) Ergänzungs-Frankierung Frankatur
Wenn Sie mir bis hierher gefolgt sind, sind wir schon fast am Ziel der Ausführung anglangt: Mit der Gründung des Allgemeinen, dann Weltpostvereins, und dazu dem Abschluss spezieller Postverträge mit Gebührenbegünstigungen zwischen einzelnen Staaten, galt dasselbe Prinzip auch für Poststücke in den begünstigten Auslandsraum (den sogenannten "Rayon Limitrophe") die von dort aus dem Adressaten in das (nicht begünstigte) "Ferne Ausland" nachgesandt wurden. Österreich-Ungarn war mit den Deutschen Staaten durch spezielle Postverträge verbunden, die unter anderem für Briefe und Karten die Inlandsgebühr für den gesamten Raum der beteiligten Staaten vorsah.
Wurde nun z.B. ein solches Stück ursprünglich von Österreich in ein deutsches Land versandt und dann von dort in ein anderes (nicht deutsches) Land des Weltpostvereins nachgesandt, so war die Differenz zwischen Inlands- und Auslandsgebühr zu bezahlen. Meist wurde dieser Betrag am endgültigen Abgabeort vom Empfänger als Porto eingehoben. In einigen Fällen wurde jedoch bei der Nachsendung die ergänzende Frankierung in Postwertzeichen des Landes, in dem die Weitersendung veranlasst wurde, entrichtet. Es bildete also die ursprüngliche Frankierung, zusammengerechnet mit der Ergänzungsfrankierung, die Frankatur des Poststückes zum Auslandsgebührensatz. Streng davon zu unterscheiden sind übrigens jene nicht allzu seltenen Nachsendungen, bei denen die Zweitfrankierung die volle Postgebühr abdeckt. Das Charakteristikum der von mir dargestellten Frankatur ist jedoch, dass nur die beiden Frankierungen zusammengerechnet die erforderliche Gebührengrösse bilden. Wenn dies nun, wie dargestellt, durch nachfolgende ("sukzessive") im Ausland vorgenommene Frankierung mit Postwertzeichen des anderen Landes erfolgt, so spreche ich von einer "Sukzessiven Länder-Mischfrankatur".
Abb. 3 Brief von Weimar am 12.04.1885 nach Wien, frankiert mit 10 Pfennig Marke (begünstigter Tarif nach Österreich). In Wien am 14.04 nachgesandt nach Venedig.
Die Frankatur von 10 Kreuzer für einen Auslandsbrief setzt sich zusammen aus den 10 Pfennig, die als 5 Kreuzer gerechnet wurden und der Ergänzungsfrankierung durch eine 5 Kreuzer Marke. (Die handschriftliche 54 rechts oben ist die Zimmernummer der Adressatin im Hotel Bauer in Venedig).
Abb. 4, Brief aus Wiesbaden vom 23.06.1894 nach München, frankiert zum Inlandstarif mit 10 Pfennig Marke der Deutschen Reichspost. Nachsendung nach Verona, Italien, mit einer Ergänzungsfrankierung von weiteren 10 Pfennig der bayerischen Post zu einer Gesamtfrankatur von 20 Pfennig für einen einfachen Auslandsbrief.
Die Redaktion bedankt sich bei allen Autoren für die fruchtbare Zusammenarbeit. Ebenso gilt unser Dank den Beziehern und Lesern der POSTGESCHICHTE. Mit Geduld haben Sie unsere anfänglichen Probleme nachgesehen, die Beiträge mit Anregungen und Kommentaren begleitet. Für uns war besonders erfreulich zu beobachten, dass die Beiträge für einige Leser auch zu Kaufentscheidungen führten und für ihre Sammlungen fruchtbare Anregungen liefern konnten. Nicht zu vergessen den lieben Rudi Schwarzenbach. Als Herausgeber hat er uns viel Freiheit gelassen. Besten Dank dafür.