Verfälschungen der Schweizer Telegraphenmarken (1868-1886)

Die ersten Ausgaben der Schweizer Telegraphenmarken auf weissem Papier (1868- 1880) sind selten in ungebrauchter wie in gebrauchter Erhaltung. Auch werden diese von den meisten Schweiz-Sammlern nicht gesucht, so dass die Preise Verhältnismassig tief blieben und daher auch nicht die Aufmerksamkeit der Fälscher erregten. Der Scott-Katalog erwähnt sie nicht einmal. Deren Prüfung ist in der Regel nicht schwierig und beschränkt sich auf die Feststellung von Reparaturen wie angesetzte Eckzähne und Nachzähnungen. Vergleichsmaterial braucht es vor allem, um diese Ausgaben auf weissem Papier richtig klassifizieren zu können, weil diese sich lediglich durch die verschiedenen Rottöne des Wappens mit dem Schweizerkreuz unterscheiden lassen.

Der Hauptgrund, dass die Schweizer Telegraphenmarken verdienen erwähnt zu werden, ist die Tatsache, dass am Ende ihrer Gültigkeitsdauer (31.12.1886) riesige Restbestände (ca. 3 Mio.) dieser Ausgaben auf Faserpapier vorrätig waren, welche 1887 an einen Händler aus Brüssel verkauft wurden, jedoch ohne die Wertstufen Fr L- und Fr 20.-. Was sollte der Händler anfangen mit je 300'000 der 25c sowie der 3.-, mit 600'000 der 5c, 750'000 der lOc und 850'000 der 50c? Wer wollte schon einen Satz, bei welchem zwei Werte fehlten. Trotzdem sollte nicht der Belgische Händler als Fälscher verdächtigt werden!

Während der letzten vier Jahre konnte ich die beiden derzeit grössten Sammlungen der Schweizer Telegraphenmarken kaufen. Zusammen mit meiner Prüfvergleichssammlung, welche ich in den letzten 30 Jahren zusammengetragen habe, war ich nun in der Lage, diese gründlich zu studieren.

Moens, Thumin, Yvert et Tellier und Zumstein katalogisierten diese schon vor 1900. Das Zumstein-Handbuch 1924 erwähnt beim Kapitel der Schweizer Telegraphenmarken, dass dieses von A. Auberson aus Bern bearbeitet worden sei, welcher in seiner Publikation (1950) erwähnt, dass die Kataloge vor 1924 voller Fehler gewesen seien, welche er richtiggestellt habe. Rückblickend können wir ihn mit Recht als den ersten Forscher dieser Ausgaben bezeichnen. Er war ein höhergestellter Dienstchef der Schweizer PTT in Bern.

Dank den Anstrengungen meines Prüferkollegen Paolo Vollmeier, RDP, als er Präsident des „Consilium Philateliae Helveticae" war, wurde 1997 ein Buch hergestellt von der im PTT Archiv in Bern liegenden Stempelkontrolle, welches die meisten Schweizer Telegraphen- und Telefon-Stempel bis 1939 in alphabetischer Reihenfolge auf beinahe 500 Seiten wiedergibt. Die gewissenhaften Postbeamten notierten damals sorgfältig die Daten, an welchen die Stempel nach Bern zurückgeschickt wurden und machten in der Stempelkontrolle einen Abdruck, welcher den Zustand des Stempels am Tage der Rückgabe festhielt. Auch wurden die Stempel, welche anschliessend vernichtet wurden, im Stempelkontrollbuch mit einem speziellen Stern bezeichnet. Dieses Buch im Regal zu haben ist wirklich eine unentbehrliche Hilfe.

Auch habe ich eine Fotokopie einer unterschriebenen Bestätigung, datiert Bern, 14. März 1957, in welcher der Chef des Wertzeichen- und Drucksachendienstes bestätigt, von einem Herrn Dr. W. Staub eine Schachtel mit 153 verschiedenen Telegraphen und Telefonstempeln aus dem Nachlass von Albert Auberson erhalten zu haben. Glücklicherweise wurde von jedem Stempel ein Abdruck angefertigt und jeweils 20 solche Abdrucke auf eine Seite geklebt. Glücklicherweise habe ich auch Fotokopien von diesen acht Seiten, welche den Erhaltungszustand im März 1957 zeigen. Ferner habe ich eine Fotokopie, wonach diese 153 Stempel nach dem 25.3.1957 dem Postmuseum in Bern übergeben worden seien.

Weitere Nachforschungen ergeben, dass diese 153 Stempel während folgender Perioden nach Bern zurückgesandt worden waren:

Bis 1907 wurden die meisten der zurückgegesandten Stempel vernichtet. Es ist kein klares Muster ersichtlich, weshalb einige vernichtet wurden, aber andere nicht. Auch ist nicht nachvollziehbar, an welchen Daten diese Stempel von Auberson mitgenommen wurden. Es ist jedoch logisch, dass derselbe Stempel wie folgt verwendet worden sein könnte:
A) während der offiziellen Verwendungszeit bis Ende 1886
B) von 1887 bis Rückgabe nach Bern
C) ab Erhalt der Rückgabe bis zur Vernichtung oder der Entwendung von Auberson
D) von Albert Auberson bis zu seinem Tode
E) nach 1957

Wir können nur versuchen, die während der Verwendungszeit echt gestempelten (A) und die nachträglich verwendeten (B-E) zu unterscheiden. Kleine Fehlstellen in den Stempeleinfassungs-Linien helfen teilweise ein Urteil zu bilden. Wie erwähnt kennen wir den Erhaltungszustand der meisten Stempel bei Rückerhalt in Bern (zwischen B und C) sowie den Zustand bei Rückgabe aus dem Nachlass von Auberson im Frühling 1957 (zwischen D und E). Auch die Stempelfarben sollen beachtet werden. Bei der A-Periode sind diese sehr unterschiedlich und kommen auch in blau vor wie Beispiel 2g. Die späteren Verwendungen sind entweder trocken grauschwarz (siehe Abbildung laf-ldf) oder in einem klaren (nicht öligem) tiefschwarz (wie 2af-2ff), siehe nächste Seiten.

Die Schweizer Prüfer haben die in Abbildung l gezeigten seit langer Zeit als falsch erachtet. Einfach zu schön, um wahr zu sein! Ich habe diese TELEPHON/TELEFONO Stempel nie echt verwendet auf Telegraphenmarken oder datierten Dokumenten gesehen. Die Telefonstation GRESSO (laf) war in einem kleinen auf 1000 m gelegenen Dorf (hoch über dem Vergeletto Tal bei Locarno) von 1886 bis 1896 in Betrieb! Es wäre wie ein Wunder, wenn eine 1886 echt verwendete Telegraphenmarke überlebt hätte!

Die 20 Fr Wertstufe auf Faserpapier ist gestempelt selten, weil diese erst Ende 1885 verausgabt und daher kaum ein Jahr lang verwendet werden konnte. Die Telefonstation in TORRE (Idf) war von 1883 bis 1907 geöffnet und verwendete sicher keine 20 Fr Werte! Diese fünf Telefonstempel wurden übrigens im Nachlass von Auberson gefunden, der in seiner Veröffentlichung (1950) behauptet, dass er von 1910-1950 rund 800 verschiedene Stempel auf Telegraphenmarken gefunden hätte, von denen er rund die Hälfte als Unikate einstufte. Ich vermute, dass diese fünf Telefonstempel dabei mitgezählt wurden.

Auch der Falsch-Stempel BULLE (2hf) auf der 3 Fr mit verfälschtem Goldüberdruck ist eine altbekannte Fälschung mit gefälschtem Telegraphenstempel, welcher leicht erkennbar ist am zu schmalen Schweizerkreuz im Vergleich zum echten Stempel (2h).

Nun kommen wir zu den Telegraphen-Stempeln, welche im Nachlass von Auberson gefunden wurden. Die Hauptschwierigkeit besteht darin, die sicher echten aus der APeriode zu finden, um passende Paare zeigen zu können. Diese Stempel sind rar, da diese Stempeltype nur in kleinen sogenannten „III. Klasse Landstellen" verwendet wurden. Links ist jeweils die Abstempelung, welche ich als echt während der Verwendungszeit gebraucht erachte (2a-2f) und rechts die nachträglich gestempelten (2af-2ff), vorwiegend aufgrund der kleinen konstanten Fehlstellen und anderen Einzelheiten im Vergleich mit den anlässlich der Rückgabe im März 1957 angefertigten Abbildungen dieser 153 Stempel. Daraus ist beim Vergleich ein gewisses Muster der Verfälschten erkennbar. Auch ist das Fehlen der Fr 1.- und 20.- Werte zu beachten.

Dies zeigt einmal mehr wie wichtig genügend Vergleichsmaterial ist. Nachdem ich alle mir zur Verfügung stehenden Stücke geordnet habe, muss ich feststellen, dass es in wenigen Einzelfällen nicht mit 100% Sicherheit feststellbar ist, ob diese während der Verwendungszeit oder danach gestempelt wurden, doch sind dies glücklicherweise die Ausnahmen.