Deutschland, Post über den Jaufenpass nach Meran 1810-1813
Obwohl wir das schöne Buch von Max Rungg «Die Post in der Geschichte Tirols» von 1986 haben, gibt es zur Postgeschichte Tirols noch viel zu entdecken.1
Ein Postakt (Nr. 1170) im Bayrischen Hauptstaatsarchiv München, der sich mit den Postverbindungen nach Meran während der bayrischen Zeit beschäftigt, bringt einige interessante, ergänzende Hinweise zu den Bemerkungen von Rungg auf S. 15. Rungg schreibt:
«Diefrüher geäusserte Ansicht, der Postverkehr von und nach Meran sei vor 1823 über den Jaufen nach Sterzing gegangen, kann aus der Sicht des Postgeschichtsforschers nicht stimmen. Erstens erlaubte der uralte Saumweg über den 2100 Meter hohen, wettergefährlichen Jaufenpass keinen Postritt, zweitens wäre der Jaufen im Winter und Frühjahr wegen tiefer Verschneiung für einen regelmässigen Postdienst ganz unpassierbar gewesen. Was nicht ausschliesst, dass in der bayrischen Zeit 1810-13 ganz gelegentlich die Poststücke nicht auch mittels Bote über den Jaufen nach Sterzing gegangen sein könnten. »
Die Schwierigkeiten, denen die Postverbindung nach Meran ausgesetzt war, seitdem Bozen 1809 italienisch geworden war, sind Rungg natürlich bekannt. Seiner Meinung nach ging der Postenlauf über den Vinschgau, Reschenpass, das Oberinntal und Landeck, Imst nach Nassereit, wo der Anschluss an den er sten schwäbischen Postkurs Richtung Innsbruck gegeben war. In dem genannten Akt findet sich nun aber ein Vorgang (ab 7.9.1810) über die Postverbindungen mit Meran, der eben diesen Postweg über den Jaufen nahelegt. Ein Verbindungsproblem war überhaupt erst dadurch entstanden, so der Oberpostmeister Graf von Taufkirch, dass das Postamt Bozen (italienisch) die Amtspakete bayrischer Behörden nach Meran nicht mehr passieren lasse, sondern dieselben zurückgeschickt habe. Bozen habe sich zwar angeboten, für die Bestellung der Sendungen die grösste Sorgfalt zu tragen, lehne aber geschlossene Amtspakete ab. Man muss nun wissen, dass unter Amtspaketen nicht etwa die zusammengefassten Dienstkorrespondenzen der bayrischen Behörden gemeint waren, sondern man bezeichnete das Postpaket, in dem die gesamte, auch private Korrespondenz, lag, damals als «Amtspaket».
Aufgrund der geographischen Gegebenheiten musste die Post aus dem Norden nach Meran durch das italienische Gebiet transitieren. Und die Weigerung des Postamtes Bozen war gerade deshalb unangenehm, weil dadurch der schnelle Verkehr zwischen der bayrischen Post und Meran behindert wurde.
Bayern wollte nun auf keinen Fall seine Korrespondenz offen nach Bozen liefern, da man sicher war, dass die dortigen Behörden neugierig auf die Briefinhalte sein würden, und man sah nur den Ausweg, die Sendungen über den Jaufen zu transportieren, obwohl sie sich dadurch um 24 Stunden verzögerten.
Das Hauptaktenstück vom 7.9.1810 formuliert:
«Da die Posten von Bayern und Italien zu Sterzing nicht zusammentreffen, so fügt es sich, dass die Ankunft der italienischen Post, welche das Amtspaket von Bozen mitbringt, daselbst erst abgewartet werden müsse, ehe die Post nach Meran befördert werden kann. Bozen ist und bleibt der Hauptvereinigungspunkt der Korrespondenz von und nach Meran, von wo aus die Korrespondenz am schnellsten und wohlfeilsten befördert werden kann. Allein insolange es nicht durch die Einleitungen der k.b.GPD bei jener zu Mailand dahin gebracht ist, dass das PA. Bozen die Expedition Meran anerkennt, geschlossene Amtspakete durchlässt, und Amtspakete nach Meran macht und daher empfängt, müssen die Pakete von Sterzing über den Jauffen nach Meran und zurück überbracht, und gleichwohl zugegeben werden, dass die Briefe aus Italien nach Meran bis zur ausgemachten Sache durch die Vinschgauer Boten unmittelbar befördert werden.»
Natürlich waren in München die Schwierigkeiten bekannt, die einem Botengang über den Jaufen entgegenstanden. «Der Jauffen, welcher nun Verbindung zwischen Innsbruck Sterzing und Meran darbietet, ist ein Berg, der nur für Ausgänger? und gewohnte Saumpferde praktikabel ist, aber selbst im Winter keine anderen Hindernisse zur Bereisung darbietet, als den angehäuften Schnee, welcher jedoch leicht auf die Seite geschafft werden kann: Die Entfernung von Sterzing nach Jauffen beträgt 10 gute Stunden, die ein geübter Gänger in soviel Zeit zurücklegen kann. Um wöchentlich eine zweimalige Postgelegenheit zwischen Innsbruck, Bozen und Meran zu erhalten, ist notwendig, dass ein aufzunehmender Postbot
1. am Dienstag sehr früh von Meran abgeht, um gegen 3 Uhr Nachm. in Sterzing einzutreffen, und daselbst die Amtspakete nach Brixen, Bozen sowie nach Innsbruck abzulegen. Zu Sterzing muss der Bote warten bis Mittwoch Nachm., wo die Post aus Italien ankommt, um mit den Amtspaketen von Bozen und Innsbruck nach Meran zurückzugehen.
2. Ebenso muss der Bote am Donnerstag abends von Meran abgehen, um Freitag Vorm. um 10 Uhr mit den Amtspaketen nach Brixen, Bozen und Innsbruck in Sterzing einzutreffen. Er muss bis Samstag abend 4 Uhr daselbst verweilen, um dann mit den Paketen von Brixen und Innsbruck nach Meran zurückzukehren. Dies sind die Vorkehrungen, welche unverzüglich zur schnellen Beförderung der Korrespondenz nach und von Meran getroffen werden müssen: Es wird sich dann in der Folge zeigen, ob von der GPD. zu Mailand der Durchgang geschlossener Amtspakete zu erwirken ist, oder ob man, wenn das provisorische Kommissariat des Eisackkreises mit dem 1. Okt. aufgelassen wird, die Korrespondenzen nach Meran, von Innsbruck über Nassareit durch das Vinschgau dahin befördert werden können. Es bleibt noch übrig, die Taxordnungfür Meran zu bestimmen. Nach meiner Meinung soll der Brief nach Bozen, Brixen sowie in das Pustertal bei der Auf- oder Abgabe zu Meran nicht mehr als 3 Kreuzer bezahlen. Bei der Abgabe eines Briefes von Meran soll das gewöhnliche Tiroler Porto erhoben und so umgekehrt verfahren werden.»
Die Sache stellt sich also nun so dar, das die Briefe aus Brixen, dem Pustertal und aus Innsbruck (bzw. solche die etwa aus Bayern über Innsbruck kommen), den Weg über den Jaufen zu nehmen hatten, während die Briefe aus Italien nach Meran teils dem Vinschgauer Boten übergeben wurden, aber meistenteils ebenfalls bis Sterzing gingen und dort von dem Jaufenboten übernommen wurden. In einem anderen Schreiben wird die Frage der Gebühren näher erläutert:
«Das Auf- und Abgabeporto eines Briefes von Meran nach Brixen, Innsbruck, Bozen und Italien soll auf 3 kr. festgesetzt werden: bei der Aufgabe aber am Bestimmungsort, insofern dieser auf bayrischem Gebiet gelegen ist, wird das gewöhnliche Porto noch ausserdem erhoben. Das nämliche hat bei den Briefen nach Meran stattzufinden, wo das angeführte Aufgabeporto, und zu Meran das Abgabeporto von 3 kr. zu erheben ist.»
Am 28.9.1810 wird ein Schreiben an das OPA Innsbruck erlassen, worin provisorisch der Antrag genehmigt wird, dass die Botengänge einem gewissen Johann Schmeller, der allein sich dazu gemeldet hatte, übertragen werden. Ihm sollte ein Lohn von 3 fl. 45 kr. für jeden Gang gezahlt werden. Eine recht bedeutende Summe, wenn man an die damaligen Löhne denkt, aber sicher auch angemessen für die recht beschwerliche Tour. Darüber hinaus wurde genehmigt, dass der Bote am Montag Mittag seine Reise von Meran antritt, in dem Wirtshaus auf dem Jaufen oder zu St. Wolfgang übernachte und am Dienstag Mittag in Sterzing eintreffe.
So weit scheint die Beförderung der Post über den Jaufen gesichert. In München liess man die Sache aber nicht auf sich beruhen. Verhandlungen mit der Postdirektion in Mailand führten schon bald zum Erfolg, so dass am 24.11.1810 eine Anweisung nach Innsbruck gelangte, dass mit Anfang des Monats Dezember wieder geschlossene Amtspakete nach Meran über Bozen abzuschicken seien. Das OPA Innsbruck sah sich aber schon unter dem 6.12.1810 genötigt, die Hoffnungen zu dämpfen. Das von der Postexpedition Meran über Bozen abgesendete Amtspaket nach Innsbruck sei vermutlich von dem italienischen Postamt in Bozen erbrochen worden, und die darin befindlichen offiziösen und Privatbriefe seien einzeln, jedoch ohne eine Zutaxe, nach Innsbruck gesandt worden.
In München reagierte man schnell. Zwar räumte man ein, dass möglicherweise das Postamt Bozen noch nicht informiert gewesen sei, aber das OPA Innsbruck wurde unter dem 9.12. angewiesen, «dass die Bestellung der Korrespondenz über den Jaufen fortgesetzt, zugleich die Botenanstalt durch das Vinschgau benutzt wird, da sonst keine andere Beförderungsart der Korrespondenz von Innsbruck nach Meran möglich ist.» Schedel in Innsbruck äusserte sich in seinem Bericht nach München tags darauf folgendermassen: «... so hielt ich es für zuträglich, einstweilen die Verfügung zu treffen, dass die Amtspakete nach Meran bis auf weitere Verhaltensbefehle wieder über den Jaufen befördert werden. Ich glaubte um so mehr diese Vorkehrung treffen zu müssen, als man aus Erfahrung weiss, dass das Postamt Bozen die amtliche sowohl als auch private Korrespondenz nach Meran vorher mit Porto belegt hat.» Die fortgesetzte Weigerung Bozens, geschlossene Pakete nach Meran passieren zu lassen, wird auch durch ein Schreiben der GD. München nach Augsburg vom 19.12.1810 nochmals bestätigt.
Der Botengang über den Jaufen muss nun mit Sicherheit bis Mai 1811 bestanden haben, denn unter dem 26. Mai 1811 fragt das OPA Augsburg in München an, ob man den Kurs weiter bestehen lassen wolle, nachdem der Postbote Johann Schmeller wegen der Strapazen den Dienst aufgekündigt habe. Von München kommt die Antwort am 23. Juli 1811: Schmeller habe bis jetzt die Botengänge versehen, ihm folge nun Andreas Hillenbrand nach, ein ordentlicher und rechtschaffener Mann.
Das Ende des Jaufenboten ist auch aktenmässig festgehalten. Das OPA Augsburg fragte unterm 2. Dez. 1813 erneut an, ob der Gang über den Jaufen beibehalten werden solle. «Da die diesseitigen Amtspakete nach und von Meran schon bereits 3 Jahre über den Jaufen mittels eines eigenen Boten befördert werden, so sieht man sich zur Anfrage veranlasst.. »
Den Anlass für diese Anfrage gab eine Verlautbarung der bayrischen GD., «wonach ein geschlossenes Amtspaket zwischen Brixen und Klagenfurt nur unter der Bedingung befördert werden würde, wenn auch das jetzt österreichische Postamt Bozen geschlossene Amtspakete von und nach Meran passieren lasse und befördere. »
In dem Antwortschreiben der GD. vom 25. Januar 1814 an das OPA Augsburg heisst es:
«Mit der Hälfte des laufenden Quartals ist die Postbotenanstalt zwischen Meran und Sterzing über den Jaufen abzustellen, und es sollen die Briefpostpakete über Bozen geleitet werden.»
Damit steht also fest, dass zwischen dem Oktober 1810 und dem Januar 1814 sowohl die Sendungen aus dem Norden wie aus dem Süden nach Meran über den Jaufen befördert wurden. Briefbelege sind für die fragliche Zeit nur schwer aufzutreiben. Das Material ist sehr dünn gesät. Dies liegt einmal an der permanenten Postüberwachung, die die Bayern betrieben und damit viele Privatleute von der regulären Postbeförderung abschreckten, aber auch die hohen Postgebühren trugen dazu bei. Trotzdem ist es gelungen, einige einschlägige Briefe aufzutreiben. Max Rungg hat auf der S. 263 in seinem Buch einen Brief abgebildet, der die Vinschgauer Route belegen soll.
Der erste Beleg hier (Abb. 1), aus Venedig Mai 1811 nach Meran, beweist zunächst einmal die Behauptung des OPA Innsbruck, dass die Briefe nach Meran in Bozen mit Zutaxe belegt wurden. Mir ist noch kein weiterer Beleg bekannt geworden. Der Brief ist auch in meinem Buch zur Bayrischen Postgeschichte abgebildet und hat zu Anfragen geführt, die bezweifelten, ob es sich bei der Ortsangabe «Maran» um Meran handle; es gebe nämlich auch einen italienischen Ort namens Maran und deshalb habe der Brief nichts mit Südtirol zu tun. Dem kann aber ganz leicht widersprochen werden, denn der deutsche Vermerk auf dem Brief «Ist nicht zu erfrag» kann wohl nicht aus einem italienischen Ort stammen, sondern nur aus Meran.
Abb. 2: Brief aus München 3.1.1813 ging nach Marling, und trägt die Leitvermerke: «in Tirol über Insbruck und Sterzing nach Meran.» Der Absender kannte offensichtlich den Beförderungsweg über den Jaufen, weil er ebenso wie der Absender des nächsten Briefes, die Angabe Sterzing macht, von wo aus der Bote abging. Wäre der Brief über Vinschgau gegangen, ergäbe die Angabe Sterzing keinen Sinn.
Abb. 3: Von München 25.7.1812 nach Latsch in Vinschgau. Obwohl der Brief ins Vinschgau ging, nannte der Absender doch ausdrücklich den Leitweg über den Jaufen: «Über Impruck, Sterzing et Meran.»