Deutsche Postagenturen in den Niederlanden
In letzter Zeit erfreut sich die Fahrpost eines etwas breiteren Interesses, als dies in den vorhergegangenen Jahrzehnten der Fall war. Das gilt zumal für die europäischen Länder, in denen Fahrpost und Reitpost in einer Organisation zusammengefasst waren, wie z.B. in Preussen, im Gebiet von Thurn & Taxis, usw. In anderen Ländern wie Frankreich, den Generalstaaten (Holland) und England waren Personen- und Frachtbeförderung deutlich getrennt von der Reitpost/Briefpost. Es ist aber zu bedenken, dass abhängig vom Lande, neben Frachttransport und Personenverkehr auch Geldsendungen, Wertbriefe und schwere Briefe zur Fahrpost gehörten. Im innerstaatlichen Verkehr sollte die Fahrpost problemlos verlaufen sein, wobei immer mindestens zwei Männer ein Fuhrwerk begleiteten. Der internationale grenzüberschreitende Verkehr lief nicht ohne weiteres reibungslos ab, wenn das Herkunfts- bzw. Bestimmungsland keine Fahrpost kannte.
In diesem Artikel wollen wir uns auf den Fahrpostverkehr zwischen den Niederlanden und Preussen im 19. Jahrhundert beschränken. In Preussen gab es eine Fahrpost, in den Niederlanden nicht. Preussen suchte nach einem Eingang ins niederländische System, wobei Personenverkehr und Frachtbeförderung durch Privatunternehmen besorgt wurden.
Niederländischerseits ist hierüber geschrieben worden durch R. Kupsch: «Duitse postagenturen in Nederland» im «Ned. Maanblad voor Philatelie» von Febr. 1977. Deutscherseits kennen wir den Artikel «Kurbrandenburgisch-preussische Postanstalten in den Niederladen» in «Postgeschichte am Niederrhein» (Bezirksgruppe Düsseldorf der Ges. für Deutsche Postgeschichte eV), Nummer l vom Sept. 1957 und die Veröffentlichungen betr. einer kgl. preussischen Postagentur in Venlo in «Das Postwesen am linken Niederrhein 1550- 1900» von Ferdinand Dohr, Stadtarchivar von Viersen.
Als der preussische Postdirektor von Emmerich (Eversmann) im Mai 1814 eine preussische Postagentur in Arnheim eröffnete, wurde Adrian Franz Bouricius als preussischer Post-Expediteur bzw. Titular-Postmeister ernannt. Ein königlicher Beschluss von 1822 besagte, dass dieser Titel zur Führung eines preussischen Amtes auf niederländischem Boden nicht statthaft sei ohne Zustimmung des Königs. Der Magistrat von Arnheim verlangte 1824, auf Befehl der Regierung in Den Haag, eine neue Anstellung für Herr Bouricius, und zwar als Agent der preussischen Postwagen-Anstalt zu Arnheim. Diese preussische Agentur befasste sich mit dem Personenverkehr, mit der Vermittlung von Paketpost und mit dem grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr. Die Vorfahren des genannten Herrn Bouricius befassten sich seit jeher mit Personen- und Gütertransport in den früheren Generalstaaten. Es verwundert deshalb auch nicht, dass er von Direktor Eversmann gewählt wurde, um den Ausgang bzw. den Eingang der preussischen Fahrpost in Arnheim zu betreuen. N.B. A.L.R. Eversmann hatte als hochkarätiger Beamter in der preussischen Postorganisation im Juni 1817 für Preussen den Postvertrag mit den Niederlanden ausgehandelt.
Münzberg führt in seinem Katalog: «Preussen - Postanstalten - Poststempel 1817-1867» zwei Stempeltypen Arnheim auf und zwar einen L2 und einen Kl (Abb. 1).
Der Stempel Kl Arnheim ist belegt von 1833 bis 1844. In der Zeit von 1825 bis 1837, als Bouricius als Agent der preussischen Postwagen-Anstalt in Arnheim tätig war, sind zwei Perioden zu unterscheiden: In der ersten von 1825 bis Anfang 1833 amtete Bouricius in Arnheim als Vermittler, indem er die aus Preussen ankommenden Reisenden und Fahrpostsendungen zur Weiterbeförderung auf geeignete nie derländische Diligencedienste unterbrachte und umgekehrt. Anscheinend befriedigten die bestehenden niederländischen Dienste Bouricius und seine Kundschaft nicht. Deshalb errichtete er Anfang 1833 ein eigenes PostwagenUnternehmen mit Niederlassungen in fünfzehn grossen und grösseren Städten (Abb. 2.1).

In seinem Schreiben vom 15. Febr. 1833 (Abb. 2.2 und 2.3) stellte er sich u.a. den Stadträten der kleineren Gemeinden in der Provinz vor und warb für sein neues Unternehmen.
Ab dieser Zeit zeigen die Stücke, die mit diesem Dienst befördert wurden, öfters einen ein- bzw. zweizeiligen Rahmenstempel, wobei oben immer ein Ortsname steht und unten meistens eine Streckennummer (Abb. 3).

Abb. 4: Paketbegleitbrieffür ein Paket (wahrscheinlich geschriebene Gegenstände) von Leyden nach Osnabrück, mit Abgangs-Rahmenstempel LEYDEN / Nr 3 vom 24. Juli 1833, laut Angabe des Absenders mit der Diligence von Leyden nach Deventer. In Wirklichkeit ging das Stück aber über Arnheim, wo der Postagentur-Stempel «ARNHEIM 26/7» abgeschlagen wurde. Es ist anzunehmen, dass die preussische Fahrpost das Stück hier übernahm und für Spedition nach Osnabrück in Hannover besorgt war. Hierbei könnte eine Auswechslung über Münster-Lengerich in Frage kommen.
Bei Aufgabe wurde das Stück auf 5 N(ederlandse) Loden taxiert. Das preussische Loth war um etwa 10 % schwerer als das niederländische, wir sehen eine Angabe von 4 Lt. Beim heutigen Wissensstand ist die Portoberechnung noch nicht genau nachzuprüfen (das gilt übrigens gleichfalls für die weiterhin besprochenen Beispiele); einiges ist dazu jedoch zu sagen. Der Brief erwähnt «Vracht tot Arnhem 43c». Damit ist die Inlandstrecke belegt. Die 43 c sind wahrscheinlich mit 7½Sgr umgerechnet, dazu noch l Sgr Grenzgebühr macht 8'½ Sgr . Die gesamte Rechnung betrug 28 Sgr, welche in Osnabrück mit 225/12 Gute Groschen bezahlt wurden. 28-8½ = 19½ Sgr für die deutsche Strecke. Preussen nahm laut Taxregulativ vom Dez. 1824, § H, für Pakete über 2 bis 8 Loth den dreifachen Brief-Porto-Satz. Mit Emmerich-Münster auf 3 Sgr, Lengerich-Osnabrück auf l G. Gr (1½ Sgr) ) und dazu noch das Grenzporto Preussen - Hannover, liegt 3 x 6,5 = l9½ Sgr in einem vertretbaren Rahmen.
Abb. 5; Paketbegleitbrief vom 12. De:. 1834, postalisch datiert 13. Dez. von Görlit: nach Haarlem. Der Brief kam mit der preussischen Fahrpost nach Emmerich/Arnheim, von wo er mit dem Bouricius-Postwagen-Dienst nach Haarlem befördert wurde. Der Brief zeigt den Bouricius-Stempel ARN H EM 1/3 No. 9.
Paketgewicht l Pfund 5 Lt, weiter wird angegeben «met betaling vöor ink. regt 52c» («mit Zahlung für Zollabfertigung 52 c»). Neben «frey» sieht man die Zahlen 36/40 und eine «76» (Sgr) und zudem auf der Rückseite ein geschriebenes «franco tout»; die Sendung war also im voraus bezahlt, allerdings könnten die 52c Zollspesen zu Lasten der Gesellschaft der Wissenschaft gegangen sein.
Das Bouricius-Unternehmen ging 1837 ein und seine Stellung als Agent der preussischen Postwagen-Anstalt wurde von der Firma van Gend en Loos in Amsterdam übernommen. - Obwohl nicht mehr selbständig, ist dieses Unternehmen auch 1994 noch immer im Paketpostgeschäft tätig. Stephan (Geschichte der Preussischen Post, Berlin 1859) erwähnt hierbei noch ein Abkommen vom Mai 1851 zwischen der preussischen Post und van Gend en Loos, wobei die Postwagenunternehmung sich verpflichtete, zur besseren Verbindung zwischen Mindener Eisenbahn und Rhijnspoorweg, zweimal täglich eine Schnellpost Arnhem-Emmerich zu unterhalten, die dann 1856 eingestellt wurde. Unser nächstes Stück (Abb. 6, Vorder und Rückseite) ist ein Beispiel dafür, dass die Post in Preussen schon damals beauftragt wurde, Zahlungen einzuholen.
Rückseite
Vorderseite
Abb. 6: Für eine Zahlung in Münster wurde in Arnheim eine Rechnung, datiert 13. Juni 1839, derpreussischen Postagentur übergeben und mit Kl «ARNHEIM 14/6» versehen. Es betrifft eine Rechnung über Hfl 10,50 für ein Buch infolge einer Subskription, welche in Münster zu zahlen war
Es hat den Anschein, dass am Ende 200¾ Sgr erhoben wurden. Hfl 10,50 entsprechen etwa 175 Sgr, Porto und Spesen haben also etwa 25 Sgr betragen.
Laut Münzberg wurde das preussische Fahrpostamt in Arnheim ab 1. Mai 1847 aufgehoben. Es war dies die Zeit, als die Eisenbahnen die Postwagen-Dienste verdrängten, wobei sich zu gleicher Zeit die Zollämter stärker profilierten. Obwohl die Strecke Amsterdam-Arnheim im Mai 1845 eröffnet wurde, dauerte es noch bis 15. Febr. 1856, bis die Eisenbahnstrecke Arnheim-Emmerich in Betrieb genommen wurde. Die Rhijnspoorweg Amsterdam-Arnheim war damals auf Anordnung der Landesregierung in Breitspur (2m) ausgeführt worden. Als dann der Anschluss ans internationale Eisenbahnnetz notwendig wurde, musste die ganze Strecke auf Normalspur (1,435 m) gebracht werden. Auf niederländischer Seite hatte «de Nederlandsche Rhijnspoorweg» die Konzession, auf deutscher Seite die «CölnMindener Eisenbahn».
Abb. 7: Das letzte Stück, das wir von der Arnheimer Postagentur zeigen können, ist eine Nachnahme-Sendung von Rotterdam nach Mannheim, datiert am 13. Jan. 1840. Die Nachnahme betrug Hfl 2,55, die mit der Inlandtaxe von 70 Cent auf Hfl 3,25 anstieg. Das Stück soll 23 Lad, etwa 21 Loth (preussisch) gewogen haben. Die Hfl 3,25 stimmen überein mit 54 Sgr. Mit einer Fahrposttaxe laut Taxregulativ von 1824, § 23 von etwa 2 x6½ Sgr scheint eine Zahlung in Kreuzer- Währung von 4f32 von der Grössenordnung her im Rahmen :u liegen.
Über die preussische Postagentur in Venlo schreibt Herr Dohr:
«Am 1.5.1841 wurde in Venlo eine kgl. preussische Postagentur eingerichtet, welche aber am 1.4.1851 aufgehoben wurde. Auf wiederholtes Drängen der Handelskammer Venlo wurde sie am 1.8.1853 erneut eingerichtet. Preussischer Postagent war Carl Roseilen aus Neuss. Er starb 1856. Sein Nachfolger wurde sein Schwiegersohn H. van Wessem. Zum 1.5. 1879 wurde die inzwischen kaiserlichdeutsche Postagentur durch die O. P. D. Düsseldorf endgültig aufgehoben. Beiliegendes Bild (Abb. 10) zeigt einen über die Venloer-deutsche Postagentur gelaufenen Brief an D. Goller in Hüls bei Krefeld. Er zeigt den Kastenstempel Venlo vom 15.6.1872 und ist mit zwei deutschen Reichspostmarken zu je l Groschen frankiert. Die deutsche Postagentur in Venlo war also exempt, unterstand nicht dem niederländischen Postdirektor in Venlo, sondern der O. P. D. Düsseldorf, nahm nur für Deutschland bestimmte Postsendungen an und machte diese auf niederländischem Postgebiete mit deutschen Reichspostmarken frei. »
Wir sehen den Firmenstempel van Gend en Laos, den Post-Stempel «Porto von Ehen», den Klebezettel «Aus Holland per Emmerich» mit Nr und den Stempel «K.Pr.Haupt Zoll Amt Aachen», was darauf hinweisen dürfte, dass die Sendung zwar über Emmerich nach Preussen kam, jedoch erst in Aachen zollfrei gemacht wurde. Auf der Rückseite «EM M ERICH Bhf 29.6. *8-12N».
Der Verfasser gibt statistische Einzelheiten über ein- und ausgehende Geldsendungen und über Poststücke in der Periode 1870-1878. Dabei stellt sich heraus, dass über die Postagentur Venlo ein Geldverkehr zwischen l bis etwa 5 Millionen Thaler jährlich stattfand und 1400 bis 8800 Poststücke ausgewechselt wurden. Die Daten wurden einer Aufstellung der Handelskammer Venlo entnommen, welche sich im Stadtarchiv Venlo befindet. Man kann feststellen, dass diese Postagentur einem wirtschaftlichen Bedürfnis entsprach.

Abb.11: Wertbrief von Venlo nach Crefeld, ohne Jahreszahl, den Briefmarken nach zwischen 1868 von 1871 :u datieren.
(Abb. 11)
Laut dem Post- und Telegraphen-Handbuch des Norddeutschen Bundes von 1868 gab es 1868 folgende Norddeutsche Postagenturen in den Niederlanden: Enschede. Oldenzaal, Roermond. Sittard, Venlo, Winterswijk. Nach diesen Orten sind gegen die gewöhnlichen internen Porto- und Gebührensätze zulässig:
a) Pakete mit und ohne Werths-Declaration, sofern der Inhalt nicht in Schriften oder aus Gegenständen besteht, deren Einfuhr verboten ist. Den Paketen muss eine vollständige Inhalts-Declaration und eine offene Begleitadresse beigegeben werden.
b) Post-Anweisungen über Beträge bis 50 Thaler.
Man bekommt den Eindruck, dass diese Agenturen vornehmlich regionalen Interessen dienten. Emmerich dagegen war, als bedeutendstes Auswechslungsbüro zwischen den deutschen Ländern und den Niederlanden, zweifelsohne überregional orientiert. Alle diese Agenturen wurden wahrscheinlich rund 1879 aufgehoben, weil sie allmählich überflüssig wurden.
Am 1. Dez. 1868 trat zwischen den Niederlanden und dem Norddeutschen Bund ein Postvertrag in Kraft, wobei der Geldversand zwischen beiden Ländern mittels Postanweisung geregelt wurde. Dazu kam der Allgemeine Post-Vertrag vom 9. Oktober 1874, zu Bern abgeschlossen, welcher zu einer Post-Übereinkunft zwischen den Niederlanden und Deutschland führte, welche am I.Jul i 1875 in Kraft trat.
Schliesslich wurde 1881 die Paketpost in den Niederlanden in den regulären Postdienst übernommen.