Internationale Postverbindungen: Die Böhmerwaldroute, Postverbindung zwischen den Niederlanden und Österreich

Das Grenzpostamt Rotz
Anfang des 17. Jahrhunderts war die einzige stabile Postroute durch Deutschland der Postkurs von Flandern über Rheinhausen, Augsburg und Innsbruck nach Italien mit den Abzweigungen nach Frankfurt und Köln.' Die Post nach Österreich kam über eine Abzweigung von Innsbruck über Salzburg und Linz nach Wien zustande.2 Post nach Böhmen musste dann nördlich über Budweis und Kolin nach Prag befördert werden.
Die damals bestehende Postverbindung Prag - Regensburg - Augsburg wurde vom Reichspfenningmeisteramt unterhalten3 und war infolge ewiger Finanznot der Verwaltung unsicher. Der 1610 in Prag abgehaltene Fürstentag hätte den Anlass bilden können, dem damaligen Hofpostmeister von Prag, Lamoral von Taxis, die Bewilligung zur Einrichtung eines Postkurses von Prag über Nürnberg nach Frankfurt zu erteilen, damit die Briefe aus dem Westen des Reiches und den Niederlanden zwei Tage früher hätten ankommen können. Das von Lamoral eingereichte Gesuch blieb aber infolge der politischen Wirren unerledigt. Am 28. September 1612 wurde Lamoral von Kaiser Mathias als Generalpostmeister im Reich und in den Niederlanden bestätigt.4 Er hatte am 4. August ein neues Gesuch zur Bewilligung des Postkurses eingereicht. Trotz der Bedenken, Lamoral könnte nunmehr den Augsburger Kurs aufgeben, wurde der Plan vom Erzkanzler empfohlen, da der Kurs ganz auf Kosten des Generalpostmeisters durchgeführt werden sollte.
Am 20. Juli 1615 verpflichtet sich Lamoral «die neue Ordinaripost von Cölln über Franckfurth und Nürnberg bis an die nächste Post in Böheimben auf eigene Kosten einzurichten und zu unterhalten,die alten übrigen Ordinariposten in ihrem 'Zustand zu bewahren» und «die kaiserlichen Hof- und niederösterreichischen Postämter nicht zu beeinträchtigen. »5

Bereits im Juni 1615 wurden zum Ausbau des Postwesens die nötigen Geldsummen bei einem Antwerpener Bankier hinterlegt und gleichzeitig der Kölner Postmeister Johann Coesfeld ausgeschickt, um die Einrichtung des fränkischen Postkurses vorzubereiten.6
Nach langem Hin und Her wurde 1630 die Böhmerwaldroute, der Postkurs zwischen Augsburg und der böhmischen Grenze bei Waldmünchen übernommen. Am 26. Oktober 1630 bewilligte Kaiser Ferdinand II gegenüber Johann Coesfeld als Bevollmächtigter der Gräfin Alexandria von Taxis (seit 1628 als Vormund der Kinder im Amt), die 10 Postboten zwischen Augsburg und Waldmünchen dem obersten Generalpostamt im Reich einzuverleiben. Zu Regensburg sollte ein Postamt errichtet werden. Somit beherrschte Taxis nunmehr alle «Ordinari» über Nürnberg und Augsburg, obwohl die Stadtboten heftigen Widerstand geleistet hatten, sahen sie doch ihr gewinnträchtiges Gewerbe nach und nach zugrunde gehen. An der Böhmerwaldroute sollte bald ein Postort, an der Gabelung der Kurse von Böhmen nach Nürnberg und Augsburg gelegen, von grosser Bedeutung als Taxpunkt werden. Es ist das heutige Rotz, damals Retz genannt (Karte Abb. 1). Es wurde zum ersten Mal erwähnt am 6. Dezember 1652, und zwar in einem Befehl von Kaiser Ferdinand III an Lamoral von Taxis «zweimal wöchentlich die Ordinari von Prag nach Regensburg zu beförderen und die unterstellten Posten im Reich von Rez bis Regensburg entsprechend einzurichten».8
Die Wichtigkeit als Taxpunkt gegenüber den Niederlanden zeigt sich aus den verschiedenen Postverträgen wie z.B.: 1668 mit Leiden, zwischen den Roermonder Postmeistern Dulcken und Clignet: «Leiden entrichtet das Porto der frankierten Briefe bis Reinhausen, Retz, Mantua und Venedig, 8 Stüber einfach, 12 Stüber pro Unze».9
1682 mit s'Gravenhage, zwischen den Roermonder Postmeistern von Bors und Dedel: «Frankierte Briefe über Frankfurt hinaus per Retz, Reinhausen, Mantua oder Venedig sind mit 12 Stüber einfach usw. zu vergüten».10 1733 mit Nijmegen, zwischen von Bors (nun Maaseiker Postmeister) und Singendorf: «Frankierte Briefe über Frankfurt hinaus bis Retz, Trento und Mantua frankiert werden mit 6 Stüber einfach usw. vergütet»."
Auf den vorhandenen Belegen finden wir den Vermerk «franco Retz» in verschiedenen Schreibweisen von ca. 1680 bis 1739. Abbildungen 2 und 3 sind zwei Briefe aus Amsterdam nach Wien, vom 9.4.1688 mit «fropRetz», resp. vom 3.1. 1689 mit «Franca p Retzia», beide mit 3 Kreuzern (Retz-Wien) belastet. Abbildung 4 zeigt einen Brief aus London nach Wien vom 14.1.1738/9 mit rückseitigem Porto von l /: l Shilling, mit einem «Portokiller-Stempel.


(Vorschrift der englischen Verwaltung, um das bezahlte Porto fürs Ausland zu vertuschen!)12 Alle Briefe aus Österreich mussten bis zur Grenze freigemacht werden, der übliche Vermerk dazu war «1/2 franco». Abbildung 5 zeigt einen Brief aus Wien nach Antwerpen, vom Absender mit ½ francq» vermerkt, zusätzlich wurden in Österreich «Retz» und das Teilporto von «6» Kreuzer aufgesetzt. In Antwerpen, damals nicht mehr unter Taxis-, sondern unter «Jaupain»-Verwaltung, wurden die «6» gestrichen und «9» Sols berechnet. Dies ist der einzige Ost-WestBrief mit einem «franco Retz»-Vermerk, den ich bisher gesehen habe. Abbildung 6 zeigt einen Brief aus Töplitz (Böhmen) nach Verviers, im Hochstift Lüttich, mit handschriftlichem Vermerk «prNburg» (per Nürnberg), vorausbezahlt mit 8 Kreuzern (rückseitiger Vermerk in Rotstift). Der Herkunftsvermerk in Rotstift «de boheme» (aus Böhmen) wurde aller Wahrscheinlichkeit nach in Nürnberg geschrieben und das Porto von Retz bis Köln mit 6 Kreuzer berechnet. In Verviers wurden die «6» gestrichen und das Porto «10» Sols eingesetzt. Die Portoliste von Verviers zeigt unter der Rubrik:
«Taxe de Verviers. Les Lettres fro nurenberg franco rets fro mantua 10 la simple 15 la double 20 l'once».13

1 Kalmus, Weltgeschichte der Post, S. 176
2.Van der Linden J., «Die deutsche Poststraße von Italien nach Flandern», IPA, Sindelfingen 1994.
3. Kalmus, Weltgeschichte der Post, S. 215.
4. Dallmeier, Quellen der europäischen Postgeschichte, II, S. 78.
5. FZA, Regensburg, L. O. Posturkunden 72.
6. St. A. Wien MEA, Postalia 1.
7. FZA, Regensburg, L.O. Posturkunden 108.
8. Dallmeier, Quellen der europäischen Postgeschichte, II, S. 136.
9. ibidS. 162.
10. ibidS. 198.
11. ibidS. 364.
12. Gardiners Survey of the Post Office, 1677, London
13. FZA, Regensburg, PA 7521.