Probleme der Postgeschichte Tirols 1806 -1814
Die Postgeschichte Tirols während der bayerischen Besetzung 1806-1814 wurde in der letzten Zeit zu einem Schwerpunkt der postgeschichtlichen Forschung. Der besondere Reiz geht dabei vor allem von der enormen Vielfalt aus, die diese kurze Periode bietet. In den letzten Jahren wurden einige neue Korrespondenzfunde gemacht, die aber mehr Verwirrung als Klarheit brachten. Die bisher eher dürftige Materialgrundlage liess viele Fragen gar nicht erst aufkommen, die sich jetzt um so dringender stellen.
Innertiroler Gebührenprobleme
Der erste Fragenkomplex bezieht sich auf die Innertiroler Gebühren zwischen 1806 und 1.1.1809. Als Bayern Tirol übernahm, war dort das österreichische Taxregulativ von 1803 noch in Wirksamkeit. Danach kostete der einfache Brief, unabhängig von der Entfernung, bis ½ Loth 8 kr. Aufgabe- und Abgabeporto, also insgesamt 16 kr. Die Gewichtsprogression erfolgte pro ½ Loth um einen ganzen Gebührensatz. Auslandsbriefe kosteten bis ½Loth 16 kr. mit gleicher Progression.
Uns sind aber einige Briefe mit Taxierungen bekannt, die mit diesen Gebührensätzen überhaupt nicht in Einklang zu bringen sind. Es liegen zwei Briefe vor aus Roveredo nach Bozen 1807 und 1808 mit 10 kr.; ein Brief aus Innsbruck nach Trento 1807 mit 10 kr. und ein Brief aus Schwaz nach Bozen 1807 ebenfalls mit 10 kr. (Abb. 1).
Darüber hinaus sind auch Zweifel an der Auslandsgebühr von 16 kr. entstanden. Wir kennen eine Reihe von Briefen nach Tirol aus dem Zeitraum 1806-1.1.1809, welche mit 19 kr. taxiert sind. Und die neue Taxordnung für Tirol ab 1.1.1809 formuliert ausdrücklich, dass die Gebühr für Auslandsbriefe von 19 kr. für den einfachen Brief «wie bisher» beibehalten wird. Es gibt aber keinen solchen Gebührensatz in einer österreichischen Gebührenordnung. Abb. 2: Brief von Venedig 1807 nach Bozen.
Daraus lässt sich nur der Schluss ziehen, dass irgendwann zwischen 1806 und dem l. l. 1809 eine Gebührenänderung in Tirol durchgeführt wurde. Bislang kennen wir keine derartige Verfügung. Möglicherweise handelte es sich aber gar nicht um eine postalische Gebührenänderung, sondern um eine währungspolitische Massnahme. In Tirol kursierten Anfang 1806 fast ausschliesslich stark inflationäre österreichische Bankozettel (Papiergeld). Die bayerische Regierung entschloss sich wegen der grossen Probleme mit diesen Bankozetteln im Juni 1806 zu einer Währungsreform. Die Umstellung erfolgte nicht nach festen Sätzen. Als Orientierung diente der Massstab: l Bankogulden (60 kr. Nominale) entsprach nun 31 kr. Wiener Währung oder 33½ kr. Tiroler Währung, oder 37 kr. Reichswährung. (Rechnet man nämlich mit dem Differenzbetrag von 31 kr. W.W. zu 37 kr. rhein. die ursprüngliche Auslandsgebühr von 16 kr. hoch [1,1935], kommt man genau auf 19 kr.)
In dem ausgezeichneten Werk von Josef Hirn «Tirols Erhebung im Jahre 1809», Innsbruck 1909, S. 30 ff. ist diese Problematik ausführlich behandelt, nur fehlt leider jeder Hinweis auf die Postgebühren. Möglicherweise hatten die neuen Gebührensätze aber etwas mit dieser einschneidenden Währungsumstellung zu tun, und die weitere Forschung sollte vielleicht die bei Hirn genannten Quellen erneut sichten, um dort Hinweise auf die Postgebührenänderungen zu finden.
Zu bedenken ist dabei noch, dass gelegentlich behauptet wird, die Postgebühren seien «nach der Nase» des Postkunden festgesetzt worden. Betrachtet man die Briefe, die aus oder nach Seitentälern Tirols kamen bzw. gingen, dann mag dies durchaus stimmen. Für Briefe, die bei Postämtern aufgegeben wurden und nach Postorten gingen, dürfte dies nicht zutreffen, angesichts der nahezu erschütternden bürokratischen Genauigkeit, mit der die Bayern arbeiteten. Ausserdem bleibt immer noch die sehr konstant angesetzte Auslandsgebühr von 19 kr. als Problem erhalten.
Ist bayerisch Tirol für Österreich Ausland?
In diesem Zusammenhang stellte sich schon seit einiger Zeit die delikate Frage, wie denn wohl Österreich in dieser Zeit die Briefe aus bayerisch Tirol behandelt haben mag. Akzeptierten sie Tirol als postalisches Ausland? Ein eher unscheinbarer Brief gibt nun die Antwort darauf (Abb. 2a). Aus Innsbruck am 24. Dezember 1808 nach Steyer abgeschickt, trägt er die bayerische Taxierung von 19 kr. Auslandsporto und darüber geschrieben die österreichische Taxe von 24 kr. Diese 24 kr. entsprechen dem österreichischen Auslandsporto nach dem Gebührenregulativ vom 1.11.1806.
Eine durchaus erstaunliche Lösung, die hier gefunden wurde. Zwar bezahlte der Empfänger die Auslandstaxe, aber das bayerische Auslandsporto von 19 kr. blieb unberücksichtigt. Deshalb hat man wohl auch den bayerischen Gebührenansatz überschrieben. (Ein sonst ganz und gar unübliches Verfahren). Hätte man die bayerischen 19 kr. akzeptiert, hätte der Empfänger 19+24 bezahlen müssen, so aber nur 24 kr. Man erkannte Tirol als Ausland formell an, bei der konkreten Bezahlung im österreichischen Inland aber dann doch nicht. Wenn es sich tatsächlich so verhält, dass Österreich hier quasi eine politisch motivierte Gebührenberechnung betrieb, was aber noch durch weitere Belege untermauert werden müsste, dann hätten sie wohl an Bayern/Tirol die dort fälligen 19 kr. vergütet und selbst nur Skr. bezogen. (Dass es hier eventuell auch ein Währungsproblem gibt, sei nur angedeutet, kann aber für die Diskussion dienlich sein.)
Bestellkreuzer
Eine weitere Feststellung konnte in letzter Zeit gemacht werden: In Tirol wurde bei einigen Orten der Bestellkreuzer beibehalten. Man muss dazu wissen, dass Bayern mit seinem allgemeinen Taxregulativ vom 1.12.1810, das auch für Tirol verbindlich wurde, den Bestellkreuzer abgeschafft hatte. Nur in wenigen Ausnahmefällen durfte er weiterhin erhoben werden. In Tirol sind uns solche Briefkreuzer nach dem 1.12.1810 aus Hall und Telfs bekannt geworden.
Eine Notiz in Heibig «Bayrische Postgeschichte ...», Teil II, S. 50 wird damit erst bedeutungsvoll. Dort ist das OPA. Innsbruck zitiert mit dem Satz: «Ein Brief von Seefeld nach Hall ... wird durch einen Postboten dahin geliefert. Ein Brief von Innsbruck nach Telfs ... wird aber von Platten auf Kosten der Posthalter nach Telfs geliefert, dort aber wiederum besoldeten Briefsammlern übergeben». Aus dieser Notiz lässt sich nun die Begründung ableiten für die in beiden Orten erhobenen Briefkreuzer, denn jedesmal müsste ein besonderer, nicht amtlicher Bote bezahlt werden (Abb. 3).
Bei dem Brief Abbildung 3 löste sich aber auch gleich noch ein anderes innerbayerisches Taxierungsproblem. Auf der Vorderseite finden wir den Briefkreuzervermerk «l x» (kr.) und auf der Rückseite die zunächst unverständliche Taxierung «8 22», wobei die 8 gestrichen wurde. In den Monaten nach Einführung des neuen Tarifs am 1.12.1810 finden wir immer wieder Briefe mit dieser doppelten Taxierung. Offensichtlich mussten sich die Beamten erst an die neuen Vorschriften gewöhnen und behalfen sich auf die Weise, dass sie die Grundgebühr des einfachen Briefes vormerkten und daraus die Progression errechneten. (8 kr. für die Entfernung von 18 - 24 Meilen, 22 kr. für die 4. Gewichtsstufe von 2 bis 2,5 Loth mit 2,5 fächern Portosatz mit Rechenfehler. Richtig wären 8+8+4 = 20 kr. gewesen. Die niedrigere Zahl gibt demnach die Grundgebühr an, die höhere Zahl die errechnete Gewichtsprogression.
Umleitung über Zürich ab 1809 durch den Tiroler Volksaufstand verursacht
Nun wissen viele Freunde der Tiroler Postgeschichte, dass der Tiroler Volksaufstand des Jahres 1809 schwere Beeinträchtigungen für den Postverkehr brachte. Uns liegen die letzten regulär aus Bayern nach Tirol beförderten Briefe von Ende Februar 1809 vor. Ab Ende April war der Postverkehr gesperrt. Bis vor kurzem war es nicht gelungen, die Umleitung über Zürich und Mailand nachzuweisen. Der abgebildete Brief vom 8. November 1809 aus Augsburg nach Trento (Abb. 4) dokumentiert die Umleitung nun besonders eindrucksvoll. Er ist rückseitig mit 4 kr. bis zur Schweizer Grenze frankiert und erhielt vorne in rot die Angabe «p. Zurigo p. Milano» (übrigens ohne einen Milano L. T. Stempel) und die Taxierung in roter Tinte 36/19. Dabei bleibt vorläufig unklar, wie sich die 36 kr. zusammensetzen. Ein Teil davon dürfte für den sogenannten Mailänder Boten angefallen sein, der die Post nach Mailand brachte und ein anderer Teil für die Strecke von Mailand bis zur Bayerisch/Tiroler Grenze. Die 19 kr. entsprechen dem Tiroler Auslandstarif vom 1.1.1809.
Klarheit herrscht also insofern, dass derartige Briefe bei ihrer Ankunft in Tirol als Auslandsbriefe behandelt wurden, obwohl sie aus Bayern stammten. Eine ganz erstaunliche Feststellung.
Es ist auch gelungen, einige einschlägige Aktennotizen zu finden. In dem Postakt Nr. 727 BayHStA finden sich einige Schreiben, die sich auf die Umleitung der Postsendungen wegen der Tiroler Postsperre beziehen. Hier nur kurz zusammengefasst: Bereits am 14. April 1809 wird das OPA. Augsburg angewiesen, sämtliche Korrespondenz nach Italien in einem Amtspaket offen über Zürich, St. Gallen nach Mailand abzusenden. Unter dem gleichen Datum ergingen Schreiben an die GD. in Zürich, an die Postkommission des Kantons St. Gallen und an die PD. in Mailand.
Der Kommissar des Illerkreises klärt am 17. April 1809 die bayerische GD. darüber auf, dass die kürzeste offene Kommunikationslinie nach Italien über Chur, den Splügen, Chiavenna nach Mailand gehe, sich aber in Graubünden keine Postanstalten befänden. Er stellt anheim, ob man mit der Regierung von Graubünden sprechen wolle, oder durch die schon bestehenden Lindauer Messagieri oder Fussacher Boten Ablösungsstationen in Chur, Splügen und Chiavenna errichtet werden sollten. Zürich und St. Gallen erklärten sich unter dem 17. April 1809 zur Beförderung der Pakete nach Mailand bereit. Zürich sprach von einer «billigen Rechnung» nach Augsburg, und St. Gallen von einer Vergütung von 6 kr. per Unze netto.
Die GD. in München erliess an das OPA. Augsburg am 28. April 1809 die Weisung: «so sind alle für das Kgr. Bayern ankommenden oder nach fremden Posten gehenden Briefe (ausgenommen jene nach Holland) mit 6 kr. mehr als die gewöhnliche Taxe ausweiset, vom einfachen Brief zu taxieren. Ebenso haben alle auf den kgl. bayerischen Posten nach Italien aufgegeben werdenden Briefe 6 kr. mehr als die gewöhnliche tarifmässige Taxe ausweiset für die Frankatur zu entrichten.» (Also 18 kr. statt bisher 12 kr.)
Unter dem 4. September 1809 führte die GD. der taxisschen Posten Beschwerde darüber. Man habe zwar auf Nachricht aus Augsburg hin die Taxerhöhungen nach Italien (um 6 kr.) ebenfalls angeordnet, aber seit dem 26. August habe das OPA. Augsburg angefangen, die italienischen Briefe mit 20 kr. zu taxieren, während das OPA. Nürnberg nach wie vor 18 kr. verlange. Dieser Beschwerde wurde unter dem 21. Sept. stattgegeben, indem man das OPA. Augsburg anwies, die korrekte Brieftaxe von 18 kr. zu erheben, wenn sie über die Schweiz gehen und 12kr., wenn sie direkt über Tirol gehen. Daraus kann der Schluss gezogen werden, dass doch hin und wieder Briefe durch Tirol transportiert wurden.
Das Innsbrucker Postamt führt am 21. Januar 1810 Beschwerde, dass zwar bereits am 11. Dezember 1809 die amtliche Anzeige nach Innsbruck gelangt sei, dass der Postenlauf durch Tirol nach Italien wieder hergestellt sei, aber das OPA. Augsburg fahre weiterhin fort, alle Briefe nach Italien, ja sogar nach Venetien durch die Schweiz zu versenden. Die Korrespondenz aus Memmingen, Kempten und Kaufbeuren nach Italien sei seit der Aufhebung der Sperre sehr lebhaft geworden und deren Briefe kämen etwa in Bozen viel früher an als diejenigen aus Augsburg. Ausserdem seien die Briefe durch die Schweiz erheblich teurer. Daraufhin erliess die GD. in München nach Augsburg die Weisung (25.1.1810), die Briefe künftig wieder über Tirol zu versenden. Das OPA. Augsburg benachrichtigte die GD. am 5. März 1810 von der Ankunft des ersten Mailänder Amtspaketes, das mit der Innsbrucker Ordinari angekommen sei. Und von Innsbrucker Seite wird unter dem 12. März 1810 bestätigt, dass die GPD. zu Mailand ihre Korrespondenz nun wieder über Tirol leitet und die Versendung durch die Schweiz aufgehört habe. Mit Datum vom 15. März 1810 reklamierte Taxis die hohen Gebühren, obwohl der Weg über Tirol wieder frei sei. Man müsse für einen Brief aus Tirol immer noch 12 kr. und für einen Brief aus Italien 18 kr. bezahlen, und das OPA. Augsburg wird am 3. April 1810 angewiesen, für Briefe aus Tirol 8 kr. und aus Italien 12 kr. anzusetzen. In Nürnberg scheinen diese Informationen aber nicht angekommen zu sein, denn das dortige OPA. fragt unter dem 20. Mai 1810 an, ob die Umleitung über die Schweiz noch bestehe und weiterhin 6 kr. mehr verlangt werden sollen. Die entsprechende Aufklärung erliess die GD. am 29. Mai.
Wo wurde der L.T.-Stempel verwendet?
Aus dieser Zusammenstellung lassen sich übrigens auch Rückschlüsse auf die Verwendung des L.T.-Stempels (Postvertrag Bayern-Italien Februar 1809) ziehen. Wenn bereits Mitte April 1809 der Postweg durch Tirol gesperrt war, dann konnte der Stempel für Transitpost kaum zum Einsatz gekommen sein. Der früheste Beleg, den wir kennen, stammt vom 25. Juli 1809 aus Elberfeld nach Trient. Er trägt aber gleichzeitig den Stempel «Milano L.T.» und hat damit die Umleitung durch die Schweiz genommen. (Leider ist keine Abbildung des Briefes möglich, weil er nur in Kopie vorliegt.)
Der früheste Beleg aus dem Jahr 1810 datiert vom August (Brief von Erfurt nach Bozen).
Es ergibt sich daraus zweierlei
1. Die frühesten Daten von Briefen mit L.T. (Abb. 5: Brief von Aachen 1816 nach Botzen) dürften etwa ab April 1810 möglich sein.
2. Der Stempel wurde wahrscheinlich in Augsburg verwendet. Dort befand sich die Verteilerstelle für die Transitbriefe. Als Argument dafür dient der oben angesprochene Brief von 1809. Da der Brief sowohl den L. T. als auch den Milano L.T. trägt, kann der Stempel nicht in Innsbruck oder weiter südlich gelegen sein, wohin der Brief ja nicht gelangte. Ein weiteres wichtiges Argument spricht für Augsburg. Einige Briefe aus Elberfeld, Amsterdam und Aachen nach Welschstirol (z.B. Bozen und Trient) tragen in dem Zeitraum von 1810-1817 den L. T. und die Auslage von Augsburg, andere nur die Augsburger Auslage.
Aufklärung darüber gibt ein Schreiben von der taxisschen GD. in Frankfurt, indem darauf hingewiesen wird, dass Briefe aus den genannten Orten nach Welschtirol und Italien nur an den betreffenden Posttagen durch Tirol geschickt werden, an anderen Posttagen aber den Mailänder Boten durch die Schweiz übergeben werden. (Diese tragen keinen L.T.-Stempel). Augsburg muss also die Verteilerstelle gewesen sein. Die dortigen Beamten benutzten den L.T. Stempel an den Tiroler Posttagen und Hessen ihn an den Mailänder Botentagen weg. [Diese Darstellung ist selbstverständlich nur als einen Diskussionsbeitrag zu betrachten. Das Problem ist entschieden vielschichtiger als es sich hier darstellen lässt. Die Vermutungen können sich auch als völlig falsch herausstellen.] Der letzte Abschlag des L.T.-Stempels wurde vom Februar 1819 registriert (Brief aus Aachen nach Turin). Es dürfte sich dabei um einen «Ausrutscher» handeln. Der letzte unproblematische Abschlag kommt auf einem Brief vom August 1817 vor. Verantwortlich dafür ist die neue Metternichsche Postpolitik. Er wollte sich aus der erpresserischen Vertragszwangsjacke Bayerns befreien und arbeitete seit Mitte 1817 intensiv an Möglichkeiten, das bayerische Postgebiet in alle Richtungen zu umgehen. Es wäre sehr erfreulich, wenn sich Antworten auf die vielen Problemstellungen finden Hessen, die hier angedeutet worden sind.