Strubel an der Basler Taube 95
Wer geglaubt hatte, dass mit dem Standardwerk von Hans Hunziker die «Strubel-Diskussion» abgeschlossen wäre, wurde in Genf eines Besseren belehrt: Die Suche nach der «wahren» StrubelEinteilung ist seit 1986 nicht stehen geblieben!» (1) Mit diesen Worten habe ich m der POSTGESCHICHTE Nr. 44 die nachstehende Neu-Klassierung der Strubelmarken anlässlich der Nationalen Ausstellung HELVETIA GENEVE 90 vorgestellt. (2)
Und fünf Jahre später muss ich mich wiederholen: Das Bemühen um eine umfassende Strubel-Systematik wurde seit Genf sogar noch intensiviert. Unter dem Patronat der Schweizerischen Vereinigung für Postgeschichte wurde eine Arbeitsgruppe kompetenter Strubelforscher gegründet, und diese tagt - wohl zur Überraschung vieler - noch regelmässig in ungetrübter Minne. Aber auch die grossen Forschungsarbeiten des amerikanischen Strubelspezialisten Herbert Brach haben die Strubelfrage in Bewegung gehalten. (3)
An der Nationalen Ausstellung BASLER TAUBE 95 werden nun die ersten Früchte dieser Arbeiten vorgestellt. In der Klasse der Champions wird Gerhard Oeschger den Markenteil (neben Abstempelungen und Frankaturen) seiner sensationellen Strubel-Sammlung nach neuesten Erkenntnissen der Strubelforschung gegliedert präsentieren. Dies ergibt die Einteilung von S. 24. Auf den ersten Blick erscheint die «Sache» äusserst kompliziert. Bei genauerem Studium erkennt jedoch der Leser, dass diese Systematik längst nicht so revolutionär ist. Die Gliederung der Berner Drucke nach Druckplattenformat geht auf die Studien von Greti Kuisel und Walter dAujourd'hui zurück und wird auch bei Hans Hunziker beschrieben. (4) Als unterschiedliche Farbnuancen werden diese Ausgaben auch im Zumstein-Spezialkatalog angeführt. (5)
Übersichtliche Darstellung der Strubel-Ausgaben
Legende: - Seidenfaden-Farbe: gr: grün, ge: gelb, sw: schwarz, hr: hellrot, dr: dunkelrot, bl: blau, rb: rotbraun
- Papierherkunft: M: München, Z: Zürich
- Katalognumerierung gemäss Zumstein, bei den Berner Drucken jedoch mit Zusätzen für die Druckplatten-Ordnung (I - IV)
Neu ist eigentlich nur die konsequente Durchsetzung und systematische Darstellung dieser Ideen.
Die wichtigsten Unterschiede zur traditionellen Katalogisierung seien kurz aufgelistet:
- Die mittleren Berner Drucke werden neben der herkömmlichen Seidenfaden-Gliederung zusätzlich nach Papierherkunft (München oder Zürich) und nach Grosse der Druckplatten (25 oder 50) sowie der ClicheZusammenstellung geordnet. (6)
Gegenüber den Schweizer Jahreskatalogen (7) ergeben sich nur zwei Änderungen: Die bisherige Nummer 27 E wird nicht als eigenständige Ausgabe, sondern als Papierabart betrachtet. (8) Hingegen wird unter der Nummer 25 D eine neue Strubelmarke aufgenommen. (9)
Gegenüber dem Zumstein-Spezialkatalog (10) zeigen sich Unterschiede bezüglich der Papierherkunft bei den Werten 23 E, 26 C und 27 D. (10)
Das Ende der Strubelforschung?
Damit ist das Ende der Strubelforschung noch längst nicht erreicht. Die vorgestellte Einteilung hat lediglich hypothetischen Charakter. Sie soll den Strubelsammlern Anreiz sein zur Verifizierung oder Falsifizierung. Ich hoffe, dass sich alle Strubel-Liebhaber durch diesen Bericht und durch die Sammlung Oeschger provoziert fühlen, diese Neuerungen kritisch zu prüfen. (11) Nur durch die Konzentration aller Kenntnisse und Meinungen wird es uns dann vielleicht möglich sein, an der nächsten Nationalen eine umfassende und abgesicherte Strubel-Katalogisierung vorzustellen.
«Sitzende Helvetia mit Basler Taube» (Prämierte Arbeit für den Jugend-Zeichnungswettbewerb der Basler Tage der Briefmarke 1994)
(1) Urs Hermann, Strubeli: Neues von der HELVETIA GENEVE 90, in: POSTGESCHICHTE Nr. 44, Seite 5
(2) Erläuterungen zu dieser Strubelgliederung finden sich in der unter Fussnote (1) angeführten Quelle.
(3) Vgl. Urs Hermann, E- und F-Strubel: Notdrucke oder Papierabart? Vorstellung einer Studie von Herbert Brach, in: POSTGESCHICHTE Nr. 51, Seite 26 ff In den kommenden Ausgaben der POSTGESCHICHTE werden weitere Essays von Herbert Brach vorgestellt werden.
(4) Vgl. Greti Kuisel, Schweiz «Strubel» Ausgaben 1854 bis 1862, Verband Schweizerischer PhilatelistenVereine 1943 Walter d'Aujourd'hui, Schweiz, Neuklassierung der «Strubel» Ausgaben sitzende Helvetia ungezähnt. 1854-1862, Basel 1982 Hans F. Hunziker, STRUBEL 1854-1862, Bern 1986
(5) Vgl. Max Hertsch, Spezialkatalog über die Briefmarken der Schweiz 1992, XXIV. Auflage, Bern 1991, Seite 48 ff
(6) Vgl. Urs Hermann, Strubel: Der Übergang vom 25'er- zum 50'er-Bogen bei den Bernerdrucken, in: POSTGESCHICHTE Nr. 54, Seite 24 ff
(7) Der Zumstein-Katalog und der Katalog des Händlerverbandes weisen die gleiche Gliederung auf.
(8) Die Nummer 64 der POSTGESCHICHTE wird eine ausführliche Darstellung dieser schwierigen Marke bringen
(9) Beim Strubel 25 D handelt es sich um einen relativ frühen Berner-Druck auf Zürcher Papier. In der nächsten POSTGESCHICHTE-Ausgabe werde ich diese «Neuheit» detailliert vorstellen.
(10) Vgl. Max Hertsch, Spezialkatalog über die Briefmarken der Schweiz 1992, XXIV. Auflage, Bern 1991, Seiten 47 Aufgrund einer Prüfung des Stärkegehaltes des Papiers lässt sich eine zweifelsfreie Unterteilung durchführen: Das Münchner Papier weist keine Stärke auf, das Zürcher Papier jedoch immer. Ausgedehnte Tests haben nun ergeben, dass Papier mit gelbem (22C und 27D) und rotbraunem (26 C) Seidenfaden ausschliesslich aus München stammt. Die dünnpapierige 23 E jedoch wurde auf dem (beanstandeten) Papier der ersten Lieferung der Papierfabrik an der Sihl gedruckt.
(11) Bitte senden Sie Ihre wertvollen Anmerkungen und Kommentare an Urs Hermann, Postfach 477,4410 Liestal. Besten Dank!