25D - eine Strubel-Neuentdeckung? (I)

In der letzten POSTGESCHICHTE (Nr. 62) habe ich erstmals ausdrücklich auf die Existenz einer neuen StrubelKatalognummer 25D hingewiesen - mit dem Hinweis auf eine spätere, detaillierte Darstellung dieses «neuen» 20-Rappen-Wertes. (1) Im folgenden Bericht möchte ich nun dieses «jüngste Kind der Strubelforschung» vorstellen. Dies geschieht nicht in der Absicht, ein endgültiges Urteil zu sprechen, sondern in der Hoffnung, die interessierten Sammler (und Katalog-Herausgeber?) zu Materialstudien und Diskussionen anzuregen.
«Von der 20 Rappenmarke ist wenig zu sagen. Von Ende des Jahres 1856 ab, als sie ihren smaragdgrünen Seidenfaden in den lebhaft grünen Faden umändert, wird ihr Papier dicker. Die Farbe wechselt wenig: anfangs orangegelb, wird sie später ausgesprochen orangefarbig und gegen Ende 1862 orangerot.»(2) Mit diesen knappen Worten verurteilten schon die Urväter der Schweizer Briefmarkenforschung Mirabaud und Reuterskiöld den 20-Rappen-Strubel zu einem Mauerblümchen-Dasein, welches ihm bis heute noch anhaftet. Diese Vernachlässigung findet ihren augenscheinlichsten Ausdruck im Umstand, dass heute die gut 6,6 Millionen verkauften 20-Rappen-Strubel (3) durch ganze drei Katalognummern (25B, 25F und 25G) erfasst werden, wobei die Nummer 25F erst noch für die seltenen «Dünnpapierigen» reserviert ist. Diese mehr als dürftige Klassifizierung gründet alleine im Tatbestand, dass alle 20-RappenStrubel einen grünen Seidenfaden aufweisen. Die zeitgemässe Strubelforschung berücksichtigt neben der Seidenfadenfarbe jedoch noch weitere Unterscheidungskriterien wie Papierherkunft und Druckplatten-Zurichtung. Dies erlaubt eine etwas differenziertere Darstellung des 20-Rappen-Strubels.
Doch beginnen wir mit meinen empirischen Erfahrungen: Während meiner langjährigen Beschäftigung mit den Strubeli stand ich bei den 20-RappenWerten immer wieder vor dem gleichen Dilemma: Ich hatte eine Marke zu beurteilen, die vom Druckhabitus und der Papierdicke her eher der B-Ausgabe, von der Verwendungszeit her jedoch eher der G-Emission zuzuordnen war. Natürlich standen auch unsere Briefmarken-Prüfer in solchen Fällen vor der gleichen Entscheidung. Meist attestierten sie in dubio die billigere G-Ausgabe, hin und wieder fanden sich aber auch mutigere B-Befunde. Voll befriedigt war wohl keiner von seiner Zuordnung! Dieser Einteilungskonflikt ist die notwendige Folge unseres aktuellen Katalogisierungssystems, das die Seidenfadenfarbe zum entscheidenden, wenn nicht sogar alleinigen Ordnungskriterium erkürt.
Eine differenziertere Betrachtung öffnet uns jedoch die Augen: Der Jodtest ergibt, dass alle dubiosen Marken stärkehaltiges Papier aufweisen, das folglich aus der Papierfabrik an der Sihl stammt. (4) Dies steht im klaren Gegensatz zu den B-Ausgaben, die ausnahmslos auf Münchner Papier gedruckt wurden. Auch bezüglich der Cliche-Abstände unterscheiden sie sich grösstenteils von den frühen Berner-Drucken. Doch auch eine Zuordnung zur GAusgabe vermag nicht zu befriedigen: Der Druckhabitus, die Farbnuancen und die Papierdicke entsprechen keines wegs den G-Merkmalen. Auch würde die frühe Verwendungszeit (ab 1858) nicht mit den übrigen G-Werten übereinstimmen (Frühdaten ab Mitte 1859). Unsere Problem-Strubel gehören also weder zur I. noch zur III. Berner Periode. In die II. Berner Periode können wir sie aber nicht einreihen, weil sie ja einen grünen Seidenfaden aufweisen.
Die Lösung des Problems gleicht dem Durchschlagen des Gordischen Knotens: Grün ist eben auch verschiedenfarbig, und somit gehören auch bestimmte 20-Rappen-Ausgaben zur II. Berner Periode der verschiedenfarbigen Seidenfäden! Aufgrund ihrer Druck- und Verwendungszeit habe ich diese den DEmissionen zugerechnet.
Eine Detail-Darstellung des 25D-Strubels ergibt das folgende Bild: - Er ist auf Zürcher Papier (mit grünem Seidenfaden) gedruckt. - Die Papierdicke schwankt zwischen 0.6 und 0.8 Hundertstelsmillimeter und entspricht somit etwa der B-Ausgabe. «Dünnpapierige» 25D-Werte konnte ich keine feststellen. Alle 25FStrubel weisen Münchner Papier auf! - Im Druckhabitus ähnelt er stark der B-Ausgabe: Der Druck ist relativ sauber und klar. Ebenso sind die horizontalen und vertikalen Linien, welche die Rhomben des Hintergrundes afüllen, meist nicht ganz ausgezogen, «wodurch der Anschein einer etwas weniger sorgfältigen Ausführung oder etwas abgenützten Platte entsteht.» (5) Der 25D-Strubel weist orange bis rötlichorange Farbgebung auf. Blassorangegelbe oder gar gelborange Farbnuancen kommen nicht vor. Die gemessenen Bildabstände lassen auf drei verschiedene DruckplattenOrdnungen (DP-O) schliessen (6): Die frühen Auflagen weisen mittlere und relativ regelmässige Abstände auf (DP-O II). Später finden sich sehr enge und unregelmässige ClicheZusammenstellungen (DP-O III), die letzten Auflagen zeigen eine enge, jedoch regelmässige Anordnung (DP-O IV). Entsprechend des Druckes in 25'erund 50'er-Bögen ist das Relief recht unterschiedlich: Frühe Auflagen haben eine recht gute Prägung, mittlere und spätere Drucke sind hingegen ohne Relief. Die beobachtete Verwendungszeit reicht von Mitte 1858 bis Ende 1860. Ausnahmen bestätigen die Regel. Die aufgrund der Druck- und Verwendungszeit berechnete Auflage dürfte in etwa 1,5 bis 2 Millionen betragen. (7)


27C und 25D III auf Faltbrief der 3. Gewichtsstufe von Locarno (1.07.59) nach Turin

Zusammenfassend ergibt sich für die Katalogisierung der 20-Rappen-Strubel die folgende vergleichende Übersicht:

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass der Titel meines Forschungsberichtes in Frageform gesetzt ist. Das Fragezeichen kann nach obigen Ausführungen jedoch nicht das empirische Faktum des 25D-Strubels betreffen. In Frage gestellt wird vielmehr der Begriff der «StrubelNeuentdeckung». Natürlich würde ich mich als Strubelforscher über einen neuen Strubel freuen wie ein Zoologe über eine neue Spezies der Tierwelt. Doch so neu ist die ganze «Sache» nicht. In der nächsten POSTGESCHICHTE werde ich diese «ganze Geschichte» rückwärts aufrollen. Bis dann wünsche ich Ihnen viel Spass bei der Durchsicht Ihrer 20-Rappen-Strubel-Marken. Mit Sicherheit werden Sie unter Ihren B-, Gund vielleicht sogar F-Ausgaben eine 25D finden. «Wir gewärtigen gerne Einsendungen und Mitteilungen, welche zur gründlichen und vollständigen Abklärung dieser Angelegenheit beitragen können.» So steht es bereits im 1. Zumstein-Handbuch von 1909. (8) Und so gilt es auch heute! Natürlich würde ich mich über Ihr kritisches Echo freuen. (9)

(1) Vgl. Urs Hermann, Strubel an der Basler Taube 95, in: POSTGESCHICHTE Nr. 62, April 1995, Seite 23 ff.

(2) P. Mirabaud - A. de Reuterskiöld, Die Schweizerischen Postmarken 1843 - 1862, Paris 1899, Seite 127

(3) Diese Auflagenzahl wurde aus den einzelnen Jahresberichten «des schweizerischen Bundesrathes an die hohe Bundesversammlung über seine Geschäftsführung» (1854 - 1862) entnommen. Die im ZumsteinHandbuch bis 1857 ausgewiesenen Werte decken sich mit diesen Verkaufszahlen vollkommen. Vgl. Ernst Zumstein, Spezial-Katalog und Handbuch über die Briefmarken der Schweizerischen Eidgenossenschaft, III. Auflage, Bern 1924, Seite 58 ff.

(4) Vertiefte Angaben zum Stärketest erfahren Sie in einer nächsten Nummer der POSTGESCHICHTE.

(5) Ernst Zumstein, Spezial-Katalog und Handbuch über die Briefmarken der Schweizerischen Eidgenossenschaft, III. Auflage, Bern 1924, Seite 55.

(6) Die vier Druckplatten-Ordnungen der Berner Drucke sind detailliert dargestellt bei Urs Hermann, Strubel: Der Übergang vom 25'er- zum 50'er-Bogen bei den Bernerdrucken, in: POSTGESCHICHTE Nr. 54, April 1993, Seite 24 ff.

(7) Diese Hypothese stützt sich auf die folgenden Zahlen: Auflage Nov. 1857: 246'075, Auflage 1858: 399'000, Auflage 1859: 883'250 und eventuell ein Teil der Auflage von 1860 (total 784'000). Vergleiche dazu die Quellenangaben von Fussnote (2).

(8) Ernst Zumstein, Spezialkatalog und Handbuch über die Briefmarken der Schweiz, Bern 1909, Seite 52

(9) Ihre geschätzte Mitteilung erreicht mich unter der Adresse: Urs Hermann, Postfach 477, CH -4410 Liestal.