Deutschland: Neuentdeckte bayerische Spitzenstücke
Dienstmarken fristen bei vielen Sammlern eher ein Schattendasein, - nicht so bei den Bayernsammlern. Hier bieten die Markenausgaben ebenso interessante Perspektiven wie ihre Verwendungsmöglichkeiten auf Briefen etc. In den letzten Jahren haben auch einige Veröffentlichungen zusätzlich Schwung in dieses Gebiet gebracht. Und wenn es auch um die Briefe mit Marken der Dienst-Abschiedserie - nach vorangegangener stürmischer Entwicklung und einigen Sammlungsauflösungen - etwas ruhiger geworden ist, so konzentriert sich das Interessejetzt hauptsächlich auf die früheren Ausgaben.
Von der Serie Luitpold mit eingelochtem «E» kennt jeder die grosse Seltenheit der 20 Pf. ultramarin, Type L, Mi. Nr. 9 b. Ihr Preis blieb nur deshalb jahrelang unbeweglich, weil kein Stück auf den Markt kam. Ihre Beschreibung klingt zwar abschreckend kompliziert, dennoch ist die Marke leicht zu erkennen; man benötigt nur ein billiges Vergleichsstück der Urmarke. Ob dann allerdings die Lochung echt ist, wird zur entscheidenden Frage. Viele mehr oder weniger berufene Fälscher haben sich daran versucht - allerdings mit wenig Erfolg. Die falschen Stücke - es sind bisher gerade einmal 10 Stück gestempelt attestiert worden können relativ schnell und sicher aussortiert werden, wenn man weiss, wie es geht.
Nun hat sich vor kurzem unerwartet der Beweis gefunden, dass ein weiterer Wert dieser Serie, die 50 Pf., ebenfalls in der Type I durchlocht wurde. Es handelte sich um einen Sechserblock, von dem 4 Marken ungebraucht (mit Falz bzw. kleinen Gummifehlstellen) und zwei Werte postfrisch waren.
Da die Prüfung bei Blockstücken sehr sicher und mühelos vorgenommen werden kann, stand das Ergebnis bald fest. Ohne Zweifel waren der Block und die Lochung echt und einwandfrei. Bei der damals bei der bayerischen Postverwaltung geübten Praxis, neuere Auflagen auf die Reste der älteren einfach zu stapeln, verwundert so ein Fund nicht. Beim Überdrucken und Durchlochen nahm man wahllos von den Stapeln, in denen sich auch einige ältere Bestände befinden konnten. Besonders anschaulich wird dieses Verfahren bei der Mi. Nr. 177x, 3 Pf. braun mit Aufdruck «20». Dort kamen 1920 Marken zum Überdrucken, die 1890 gedruckt worden waren.
Der Sechserblock Dienst Mi. Nr. 111 gehört also zu den Spitzenraritäten der Bayernphilatelie, von der nicht zu befürchten ist, dass sie sich als Windei herausstellt. Der Block wurde auf Anweisung des Besitzers getrennt, und da fünf Stücke davon unmittelbar nach der Prüfung auf mehreren Auktionen angeboten wurden, entstand bei potentiellen Käufern Verwirrung. Zu oft hatte man schon erlebt, dass in solchen Fällen eine Vielzahl von Stücken nachgeschoben wurde. Durch diese ungeschickte Verkaufstaktik sollte man sich aber nicht irre machen lassen. Es waren sechs Stücke und es ist bisher kein weiteres dazugekommen. Und da dies in all den Jahren die einzigen Stücke waren, dürfte das auch so bleiben. Ob aus dem Bogen von 50 Stück, der hier überdruckt wurde, auch einige verbraucht wurden, bleibt abzuwarten. Der Boom an eingesandten Marken nach den ersten Auktionsergebnissen brachte jedenfalls nur Fälschungen zu Tage. Diejenigen, die zugegriffen haben, können sich wohl glücklich schätzen.
Aber auch für den Postgeschichtler hat diese Marke, 50 Pf. Luitpold «E» eine Überraschung bereit. Es ist nämlich vor einigen Jahren eine Paketkarte zum Vorschein gekommen, die zwar von Pfenninger signiert wurde, aber dann wieder in Vergessenheit geriet, weil ihre Zeit wohl noch nicht angebrochen war.
Paketkarte nach New York ( Vorderseite
Paketkarte nach New York (Rückseite)
Eine Frankatur, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Es handelt sich um eine reine Mehrfachfrankatur der 50 Pf, Mi. Nr. D 11 von 21 Stück = einer Gebühr von 10.50 Mark. Nun muss man kein Freund von Einzelund Mehrfachfrankaturen sein, um dieses Stück enorm zu finden. Eine Frankatur in dieser Höhe ist auch nicht annähernd registriert, meist bekommen Sammler schon klamme Finger, wenn einmal ein Wertbrief mit einem oder zwei Exemplaren auftaucht. Diese portogerechte Frankatur diente zur Beförderung von drei Paketen von München nach New York.
Wir kennen zwar einige wenige Dienstbriefe aus Bayern nach anderen Staaten des Postvereins und eine verschwindend geringe Zahl ins europäische Ausland, aber eine Verwendung nach Übersee war für unmöglich gehalten worden. Was sollte auch schon eine bayerische Eisenbahnbehörde in Dienstangelegenheit nach Übersee schreiben wollen. Gewiss waren die Marken für solche Versendungen zulässig, aber es lässt sich kein Bedarf dazu denken. Welche Geschichte steckt nun aber hinter dieser Paketkarte? Was hatte eine Eisenbahnbehörde in 3 Paketen mit jeweils 4kg. 850 gr. nach New York zu schicken?
Man braucht nicht viel Phantasie, wenn man den Adressaten liest. - Das bekannte Cook'sche Reisebüro in New York am Broadway. Am ehesten werden es bayerische Eisenbahnkursbücher gewesen sein, die sich in den Paketen befanden, damit das Reisebüro seine Überseereisenden ausreichend über die Fahrpläne informieren konnte. Auf diese Weise entstand also dieses, in philatelistischer wie postgeschichtlicher Hinsicht einmalige Stück, das wohl für jede Dienstmarkensammlung den absoluten Massstab setzt.