Deutschland: Kiautschou: Doppelfrankaturen - und noch etwas mehr
Am 14.11.1897 nahm das Deutsche Reich das spätere Pachtgebiet Kiautschou in Ostchina in Besitz. Am 26.1.1898 wurde in Tsingtau eine Postagentur eröffnet, die längere Zeit die einzige im Schutzgebiet war. Sie war von Anfang an Mitglied des Weltpostvereins. Post aus der zum Pachtgebiet gehörigen neutralen 50 km-Zone und dem Hinterland nach Europa musste daher bei einem chinesischen Postamt aufgegeben und mit Marken der Kaiserlich chinesischen Staatspost frankiert werden, jedoch nur für die innerchinesische Strecke, da China noch nicht Mitglied des Weltpostvereins war. Der Weg ab Tsingtau musste mit deutschen Marken frankiert werden. Diese konnten entweder schon vom Absender aufgeklebt werden, oder dies wurde nach Vorausbezahlung vom deutschen PA Tsingtau besorgt. Vor dem 26.1.1898 liefen alle Postsachen aus Orten in China, an denen sich kein ausländisches Postamt befand, über Shanghai und wurden dort vom chinesischen PA einem der dort arbeitenden europäischen übergeben. Die Doppelfrankaturen über die deutschen Postämter in Shanghai und auch Tsingtau endeten mit Abschluss eines speziellen deutschchinesischen Postvertrags im Oktober 1905, obwohl China offiziell erst 1914 Mitglied des Weltpostvereins wurde.
Abbildung l: l Cent-Ganzsachenpostkarte der chinesischen Post mit korrekter Zusatzfrankatur von 3 Cent (4 Cent betrug das Porto für die innerchinesische Strecke bis Tsingtau), die in dem Ort «Kiaochow» am 2.7.00 geschrieben wurde. Entwertung erfolgte mit stummem (sog. «Tombstone»)-Stempel des dortigen chinesischen Postamts. Da die Karte nach Deutschland gerichtet war, wurde im deutschen Postamt Tsingtau eine 5 Pfg.-Überdruckmarke dazugeklebt (man verwendete zu dieser Zeit in Tsingtau die Marken der Deutschen Post in China) und am 7.7.1900 entwertet. Ankunftsstempel von Greifswald vom 15.8.00.
Es waren also bei echten und bedarfsmässigen Doppelfrankaturen immer zwei verschiedene Postsysteme beteiligt. Um eine «Doppelfrankatur» unter Beteiligung von drei verschiedenen Postsystemen handelt es sich bei dem aussergewöhnlichen Beleg, der nun im folgenden gezeigt werden soll (Abb. 2). Es handelt sich um eine Postkarte, die am 4. April 1900 von einem (wahrscheinlich beim Shantung-Bahnbau beschäftigten) Ingenieur in Nanliu geschrieben wurde. Sie ist an den Zahlmeister Schmidt des Dampfers «Sachsen» gerichtet, mit dem der Schreiber offenbar nach China fuhr und ausserdem (die Überfahrt dauert ja lange) Skat spielte. Er schreibt nämlich im Text an den «gemütlichen Scatgenossen»:
« Wir sind hier von 400 Chinesenräubern überfallen und vollständig ausgeplündert worden. Tapfer gewehrt, 3 tot und viele krummgeschossen; mussten aber schliesslich ausreissen. Jetzt wieder neuausgerüstet auf Posten zurückgekehrt. Ungemütliches Arbeiten! Auf der Sachsen wars schöner! Herzl. Grüsse Ihr Otto Matiak, Ingenieur.»
Abbildung 2
Nachdem nun der Schreiber dieser Zeilen (der also schon früh mit den beginnenden Boxerunruhen Bekanntschaft gemacht hatte) die Karte - mit 4 cents korrekt frankiert - beim chines. Postamt in Weihsien aufgegeben hatte, gelangte sie (da offenbar Post nach Deutschland, also Auslandspost) zum deutschen Postamt Tsingtau, wo man zwecks Weiterbeförderung eine 5 Pfg.-«CHINA»-Überdruck-Marke aufklebte und am 10.4. 1900 entwertete. Da die Karte jedoch nicht nach Deutschland, sondern «nur» an den Dampfer «Sachsen» adressiert war, wurde sie nach Shanghai weitergeschickt, wo sie (da aus dem Inneren Chinas stammend) zuerst beim chinesischen Postamt landete, dokumentiert durch den Stempel der Local Post vom 13.4.00. Dort wurde die Karte oberflächlich als Auslandspost angesehen und (in alter Gewohnheit und wohl wegen eines gegebenen Rabatts) dem französischen Postamt zugeleitet, das die (vielleicht schon beim chinesischen Postamt vorrätig gehaltenen und aufgeklebten) Marken zu 2 mal 5 Centimes der französ. Post in China am 13.4. entwertete. Die französische Post sandte die Karte sodann am gleichen Tag klugerweise erst einmal (wohl wegen der Schiffsadresse) an das deutsche Postamt Shanghai weiter. Dort brachte man einen handschriftlichen Vermerk «Marinepostbureau Bln.» an, und die Karte wurde auf den Weg geschickt. Am 21.5.1900 versah das Marinepostbureau die Karte mit dem handschriftlichen Vermerk «Bremen Nordd. Lloyd». Der Bremer Ankunftsstempel vom 22.5.1900 setzt den Endpunkt der Reise dieses kuriosen Poststücks. Diese letzte Etappe gibt jedoch noch besondere Rätsel auf. Beim deutschen Postamt in Shanghai müsste nämlich eigentlich bekannt gewesen sein, dass der Dampfer «Sachsen» (falls es nicht doch einen anderen Dampfer gleichen Namens gab!) ein Postdampfer war, mit dem das Marinepostbureau eigentlich nichts zu tun hatte. Ausserdem (dies ist aus den alten Fahrplänen ersichtlich) wäre der Reichspostdampfer «Sachsen» ohnehin am 18.5.1900 in Shanghai eingetroffen, und man hätte die Postkarte in Shanghai ja nur solange aufbewahren brauchen. Es sind also noch Fragen offen, was andererseits den Reiz bei derlei Stücken ausmacht.