Ein kleiner Bayern-Brief mit Charakter
Am 29.7.1855 von Reichenhall in Bayern abgeschickt und mit 9 kr. frankiert, stammte der Brief wohl eigentlich aus Salzburg, wie ein Vermerk oben nahelegt. Obwohl damit kein Gebührenvorteil verbunden war, wurde er nach Reichenhall über die Grenze gebracht und dort aufgegeben. Die verwirrende Vielfalt von Stempeln und Daten kann nur zu einer (vermutlich) schlüssigen Interpretation führen. Zunächst war der Brief nach Berlin gerichtet. Dafür spricht das Datum (1.8.) des Berliner Stadtpoststempels. Ausserdem ergibt der Handschriftenvergleich, dass die Ortsangabe «Berlin» vom Absender stammen muss, wenn sie auch später teilweise von anderer Hand nachgezogen wurde. Trotz der Absenderangabe «poste restante», erfolgte sofort die Weitersendung nach Hamburg. Offensichtlich hatte der Empfänger einen entsprechenden Hinweis hinterlassen. Rückseitig finden wir einen Ankunftstempel des preussischen Postamts in Hamburg vom 2.8. Die weitere Rekonstruktion ist schwierig, vor allem, wenn die Taxierungen miteinzubeziehen sind. Vermutlich ging der Brief erneut nach Berlin und erst dann mit dem Vermerk «auf Verlangen nach Kiel» über das dänische Postamt in Hamburg weiter nach Kiel (Holstein). Ohne die Annahme einer erneuten Verschickung nach Berlin ergäbe das Datum (3.8.) des Entlastet Stempels von Berlin keinen Sinn. Zu dieser Annahme würde passen, dass die Absenderangabe «Berlin« nachgezogen wurde. Da mit der gleichen Tinte auch der bayerische Vermerk «fco» links unten gestrichen wurde, dürfte die blaue Taxierung «4» in Hamburg angebracht worden sein. Die zweite Nachsendung wollte man nicht mehr kostenlos vornehmen. Dazu wiederum passt, dass die Ortsangabe «Hamburg» mit derselben blauen Tinte erstmals durchgestrichen wurde. Die «4» wurde aber noch in Hamburg wieder gestrichen und möglicherweise zur Bekräftigung der Entlastet-Stempel von Hamburg (2.8.) beigesetzt.
Als der Brief nun erneut in Berlin eintraf, wurde das Verlangen der Nachsendung nach Kiel gestellt. Jedenfalls sind die kräftig blauen Tintenvermerke «Kiel» links unten, «auf Verlangen nach Kiel», die blaue «3» (Sgr.) und die erneute Durchstreichung von «Hamburg» von der gleichen Hand. Der Brief wurde also in Berlin mit 3 Sgr. Porto bis zur dänischen Grenze belegt und gleichzeitig mit dem Berliner Entlastet-Stempel bedruckt. (3.8.) Der rückseitige Stempel des dänischen Postamtes in Hamburg datiert dann folgerichtig vom 4.8. Fraglich bleibt bei alledem, wie die «4» und «22» in Rotstift zu verstehen sind. Laut Postvertrag zwischen Preussen und Dänemark vom 19. Dezember 1853 kostete das dänische Porto bis Kiel (Holstein) lediglich 2 Sgr. (Parität 48 lübsche Sh. = l tlr. T/2 Sgr.) Demnach kann es sich wohl bei den «22» nicht um das dänische Gesamtporto handeln. Möglicherweise wurde der Brief aber wieder nach Bayern zurückgeschickt und das angefallene Porto in rhein. Kreuzer umgerechnet. Leider ist der Brief rückseitig nicht ganz vollständig, so dass diesbzgl. Vermerke vielleicht verloren gegangen sind. Für diese Annahme spricht aber der eingangs genannte Hinweis auf Salzburg. Aber auch dann wird die Umrechnung problematisch. Bei manchen Briefen bleiben eben ungeklärte Reste, sonst wäre ja auch das Tüfteln daran nicht so vergnüglich.