Deutschland: Post aus dem Caprivizipfel

Der «Caprivizipfel», benannt nach dem deutschen Reichskanzler (1890 - 1904) Caprivi, ist ein im Durchschnitt etwa 60 km breiter und 250 km langer Gebietsstreifen im äussersten Nordosten von Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Über diesen, 1890 im «Helgoland-Sansibar-Vertrag» an das Deutsche Reich abgetretenen Gebietsstreifen hatte das Deutsche Reich eine in der Praxis zwar recht bedeutungslose, aber offenbar für den Kaiser sehr prestigeträchtige Verbindung zum Sambesi. Dort, am Ufer des Sambesi, wurde eine kleine Polizeistation errichtet.

Auch postalisch war diese - man sehe auf die Landkarte - so abgelegen, dass Korrespondenz von dort (es bestand während der gesamten deutschen Zeit im Caprivizipfel keine Postanstalt) mit der englischen Post über Rhodesien (Livingstone - Bulawayo) und Kapstadt befördert werden musste, sogar die Inlandspost (z.B. nach Windhuk). Meist handelt es sich bei den ohnehin wenigen Postsendungen um Karten der «British South Africa Company». Sie sind in Shesheke (am gegenüberliegenden Ufer des Sambesi) abgestempelt, wobei es besonders wichtig ist, dass sie sich im Text als aus dem Caprivizipfel herstammend erweisen. Eine solche Postkarte soll im folgenden gezeigt werden:
Die (vom Porto her korrekt frankierte) l Penny-Ganzsachenkarte ist nach Schlesien adressiert, am 1.3.1909 in Shesheke geschrieben und am gleichen Tag beim Auf der Vorderseite befindet sich noch der Durchgangsstempel des Postamts Livingstone vom 5.3.09. Der Text der Karte lautet:

Sescheke, den 7.7/7.09. Liebe Eltern! Teile euch mit, dass es mir soweit noch sehr gut geht. Ich bin noch gesund und fiedel. Meinen Brief habt Ihr hoffentlich erhalten. Wie ist der Winter bei euch verlaufen? Bei uns ist es sehr warm hier, wir haben rings um uns Wasser und die Stechmücken plagen uns jetzt ganz schrecklich! Unseren Eingeborenen bekommt das Cliema gar nicht hier, sie liegen dauernd krank, dagegen sind wir, sowie auch H. Hauptm. bis dato gesund geblieben. In der Hoffnung, dass euch diese Karte bei bester Gesundheit antrifft, grüsst undküsst euch euer Sohn Gustav.»

Auch wenn nun die Station Schuckmannsburg, bzw. der Begriff «Caprivizipfel» darin nicht wörtlich erwähnt werden, so kann m.E. doch aus dem Inhalt auf den Herkunftsort geschlossen werden. Zum einen werden «unsere Eingeborenen» und ein «Herr Hauptmann» erwähnt, zum anderen die Tatsache, dass der Schreiber und seine Kameraden rings um sich «Wasser haben». Dies bezieht sich wohl darauf, dass der Sambesi und dessen Nebenfluss Linjanti in der Tat kurz vor ihrem Zusammenfluss ein sumpfiges Dreieck bilden. Circa 50 km vor diesem Zusammenfluss, der die östlichste Spitze des Caprivizipfels bildet, liegt am Sambesi die deutsche Polizeistation Schuckmannsburg, ihr direkt gegenüber der rhodesische Ort Shesheke. Es dürfte sich somit zweifelsohne bei der Karte um Post eines Angehörigen der Polizeistation Schuckmannsburg im Osten der «Residentur Caprivizipfel» handeln, die wegen des Fehlens einer deutschen Postanstalt beim rhodesischen Postamt Shesheke aufgeliefert werden musste.
Im übrigen bietet die Post aus dem Caprivizipfel ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass der Postgeschichtler oft in völlig anderen «Schubladen» suchen muss, um an seine meist ohnehin raren Belege zu kommen.