Praktisches und Grundsätzliches - Ein Erlebnisbericht

Der gestrige Tag im Archiv war leidlich ergiebig. Listen von Abrechnungen über Estafettenabrechnungen ohne Ende, Notizen über Postkurse ohne Systematik. Nur eine Notiz war auffallend, mit der ich aber noch nichts anfangen kann.
Die Archivarbeit ist manchmal ein Kreuz. Fragen gäbe es genug, und manche Aktentitel wären durchaus vielversprechend, wenn das drinnen wäre, was draufsteht. Statt Antworten zu den vorgenommenen Fragen zu finden, liest man sich durch einen Wust handschriftlicher Notizen. Dabei bedarf es dennoch der ganzen Konzentration, um das scheinbar Unbrauchbare, an anderer, ungeahnter Stelle verwerten zu können. 
Diese besagte Aktennotiz bezog sich auf die Auflösung des OPA. Innsbruck im Oktober 1810. In einer Liste Postorte, die an Augsburg bzw. München übergehen sollten, waren auch Partenkirchen, Murnau und Mittenwald verzeichnet. Ihre Zugehörigkeit zu Innsbruck war mir neu. Nun zählen solche verwaltungstechnischen Details nicht gerade zu den postgeschichtlichen Zusammenhängen, denen mein besonderes Interesse gilt. Aber für das geplante Buchprojekt «Bayerische Besetzung Tirol 1806 - 1814» sind solche trockenen Daten unumgänglich. Nur deshalb fertigte ich eine Notiz an, die nun auf dem Schreibtisch liegt und die smarte Arbeit an der Briefen blockiert. Intuition (oder Phantasie) gehören unbedingt zum Archivgeschäft. Man muss sich vorstellen, was das Gelesene bedeuten könnte. Dabei lässt sich natürlich die Beschränkung auf bestimmte Themenaspekte nicht vermeiden. Ich hatte mir vorgenommen, nach solchen Notizen Ausschau zu halten, die bei der Briefinterpretation verwertbar sind. Sozusagen «angewandte Postgeschichte». Was bedeutet nun dieser Hinweis. Weist er überhaupt auf etwas hin? Um die Sache möglichst schnell zu erledigen, greife ich nach der gängigen Literatur, die als Quelle stets die amtlichen Regierungsblätter nennt. - Kein Hinweis auf eine Zugehörigkeit der drei Orte zu Innsbruck. - Ich habe aber nun wirklich keine Lust, den empirischen Weg zu gehen und diese Quellen noch einmal durchzuackern. - Aber irgendwo in meinen Kisten ungeklärter Briefe, fällt mir ein, muss doch ein Brief aus Partenkirchen sein. Aber wo? Nicht in Hektik verfallen, ruhig hinsetzen, nachdenken und systematisch vorgehen. 1. In meiner Aktenliste findet sich ein Vorgang mit dem Titel «Organisation des OPA. Innsbruck.» (Es war doch gut, zwei Wochen lang Repertorien abzuschreiben.) Wegen meiner Abneigung gegenüber Verwaltungssachen blieb der Akt bisher unbearbeitet. 2. Der Brief von Partenkirchen muss in einer der Bayernkisten sein. Vielleicht passt er aber gar nicht in diese Zeit. Er ist aber als ungeklärter Fall abgelegt, es könnte also etwas dran sein. (Briefe sind genau so gut als historische Quelle nutzbar wie Akten.) Da ich den Aktenvorgang erst morgen bestellen kann, bleibt heute nur die Durchsicht der Briefkisten. Scherzhaft hatte ich einmal gesagt, den guten Postgeschichtler erkennt man an den wenigen Briefen, die er versteht und den grossen Kisten von Briefen, die er nicht versteht.

Im Moment kann ich darüber angesichts der Sucharbeit leider nicht lachen. Nun gut, er hat sich gefunden - und könnte in die Zeit passen. Leider ist er ohne Datum, lediglich von mir mit der Notiz «Oktober 1810» versehen, ohne dass ich heute wüsste, wie ich damals auf diese Datierung kam. Handschriftliche Ortsangabe «von Partenkirch» «über Augsburg» nach Rastadt in Baden. Taxiert mit 12/12 = 24. Nun ist mir auch klar, warum er in der Kiste liegt, der Brief nach Baden. Zu den Postverhältnissen mit den Nachbarn Württemberg und Baden kenne ich zwar die Verträge, aber arbeiten kann ich mit denen nicht. Ihre Formulierungen sind kaum nachvollziehbar, und sie waren schon bei der Ratifikation grossenteils wieder Makulatur. Wenn meine damalige Datierung stimmt, ist das insofern wichtig, als ab 1.12.1810 in Bayern der neue Generaltarif eingeführt wurde, und es fragt sich, ob der Brief nach der alten Reichsgebühr oder dem neuen Tarif behandelt wurde. Ein eher überflüssiger Griff zur Stempelliteratur zeigt, das Partenkirchen seit 1802 einen Rayonstempel führte, der übrigens sogar 80 DM notieren würde. - Aber warum überhaupt eine handschriftliche Ortsangabe, wenn doch ein Stempel vorhanden war? Oft bleibt nichts anderes übrig, als erst einmal assoziativ die Gedanken kreisen zu lassen, um überhaupt auf das Problem zu kommen. Es ist typisch für die herrschende Sammelmode, dass Briefe ohne Stempel kaum beachtet werden. Manche halten ja die Stempelkunde für die eigentliche Postgeschichte, andere schwören auf die Analyse von Gebühren. Beides kann mich nicht befriedigen. Diese Gesichtspunkte kann man zwar wunderschön katalogisieren und abstreichen, aber sie sind eben doch eine arge Reduktion. Briefe in ihrer Gesamtheit als Dokument einer politisch/postalischen Situation zu betrachten und zu interpretieren, erscheint mir angemessener.
Eine Idee: Wenn Partenkirchen wirklich zum OPA. Innsbruck gehört hat, dann gäbe es eine Erklärung für den fehlenden Stempel. Bis 1811 gab es in Tirol keine Rayonstempel, weil das ganze Gebiet im Postverkehr mit Frankreich wie Österreich behandelt wurde. Erst 1811 wurde Tirol in den Postvertrag mit Frankreich von 1801 miteinbezogen, so dass Rayonstempel nötig wurden. Wenn also Partenkirchen nun gar als Tiroler Postort zählte, dann durfte der Rayonstempel gar nicht verwendet werden. Und anstatt den Stempel zu aptieren, wie das Innsbruck gemacht hatte, erfolgte die handschriftliche Ortsangabe. - Schlecht ist diese Theorie nicht, aber doch etwas dünn.
Briefe interpretieren ist eine vielschichtige Sache. Kurzschlüsse und voreilige Meinungsbildung ist wenig hilfreich. Selbstkritik und Distanz sind dabei wichtiges Handwerkszeug. Nicht das was der Brief in der Einbildung werden soll ist massgebend, sondern allein die Qualität der historischen Argumente.
Einen Tag später. Der Akt «Organisation des OPA. Innsbruck» ist ein Volltreffer. Schon ein Hinweis auf dem Aktendeckel gibt die Gewissheit, auf der richtigen Fährte zu sein. Aus dem Inhalt geht dann hervor, dass mit Entschliessung vom 26. Juli 1810 die drei Postorte dem OPA Innsbruck unterstellt wurden, aber gleichzeitig die Expedition Kufstein an das OPA. München ging. Erst unter dem 13.8.1810 erging an die drei Orte folgende Weisung aus Innsbruck: «In der Anlage erhält die kgl. Exp. zu ... die für die Provinz Tirol vorgeschriebene Taxordnung mit dem Auftrag, nach denselben die Briefe insolange mit aller Genauigkeit zu behandeln, als nicht neue Bestimmungen darüber erfolgen.» - Der Text lässt keine Zweifel mehr zu. Das bedeutet, dass Partenkirchen, Murnau und Mittenwald a.d. Isar zu Tiroler Postorten geworden waren mit der Konsequenz, dass sie nun auch nach dem Tiroler Gebührensystem zu arbeiten hatten. Eine Feststellung von enormer Tragweite für die Behandlung der Briefe. Man bedenke, in Bayern galt derzeit noch (bis 1.12.1810) die Gebührenordnung aus der Zeit der Reichspost. In Tirol aber arbeitete man noch mit dem ehemals österreichischen System der Halbportotaxe. -- Ein fundamentaler Systemunterschied. Was hat nun in dieser Situation die Postmeisterin von Partenkirchen gemacht? Rückseitig auf dem Brief findet sich «19» vermerkt. Sie hat also die Tiroler Auslandstaxe angesetzt und als Franko erhoben. Im Gegensatz zu den Tiroler Postorten, die das Aufgabsfranko nie vermerkten, hat sie nach Reichspostmanier ihr Franko rückseitig vermerkt. Ich kann ihr nicht genug danken für diese Abweichung, denn sonst könnte man an dem Brief die tatsächliche Anwendung der Tiroler Taxen nur behaupten, aber nicht beweisen. Alles passt, bis auf den kleinen Schönheitsfehler, dass die beiden Portoansätze ä 12 kr. unklar bleiben. Für die Briefaufgeber müssen die Konsequenzen wenig erfreulich gewesen sein. Immerhin kostete der Brief jetzt insgesamt 43 Kreuzer.
Es zeigt sich wieder einmal, dass ohne Aktenstudium nichts geht. Offizielle Verlautbarungen oder Vertragstexte sind zwar schön und recht, aber sie sind eben nur Theorie und dürfen nicht als bare Münze genommen werden. Erst an den Briefen zeigt sich, wie es wirklich war. Das Ende des Tiroler Zwischenspiels bei den drei Orten ergibt sich dann von selbst. Mit der Auflösung des OPA. Innsbruck durch Verordnung vom 14.10.1810 werden die Orte an das OPA. Augsburg abgegeben. Aber eine Frage bleibt. Wie hat dann z.B. Partenkirchen seine Briefe nach anderen Reichspostorten in diesen zwei Monaten taxiert? Eigentlich müssen dann auch zwei Gebührenansätze vorkommen, einer nach der Tiroler Gebührentabelle und der andere nach dem Reichspostsystem. Jeder Brief dieser zwei Monate von jedem der drei Orte muss von höchstem Interesse sein.
So kehren sich manchmal die Dinge um. Ein Brief, verpönt, weil er keinen Stempel hat, wird zum extrem interessanten postgeschichtlichen Dokument einer organisatorischen Entgleisung. Denn die ganze Konstruktion dieses Vorganges lässt doch reichlich Planlosigkeit erkennen. Und da fragen manche, welche Zukunft die Postgeschichte hat? - Sie ist die Zukunft - weil sie ungeahnte Vielfalt spannender, erkenntnisreicher und interessanter Perspektiven eröffnet. Sie erfordert aber eben auch viel Wissen und Arbeit. Für manche ist die heute noch herrschende Unübersichtlichkeit der Forschungsströmungen Grund genug, der Postgeschichte ein baldiges Ende zu prophezeien. Ich denke so nicht, weil ich meine, dass das interessante, mit einer eigentümlichen Geschichte ausgestattete Stück immer seinen Liebhaber findet und daher den einfachen, auf Katalognummern reduzierten Stücken überlegen ist. Die Reduktion auf Stempel oder Postgebühren kann wegen ihrer künstlichen Vereinfachung aber nicht Postgeschichte sein. Diese beginnt erst dort, wo man mit der intensiven Warum-Frage in den posthistorischen und zeitgeschichtlichen Zusammenhang vorstösst. Auf diesem Weg gibt es aber noch einige Hindernisse.

1. So ist es bisher nicht gelungen, brauchbare Vorschläge zur Bewertung postgeschichtlicher Briefe zu machen.

2. Die Vielschichtigkeit der PG wird mit Argwohn betrachtet, weil sie zu kompliziert erscheint und viel Zeit intensiver Beschäftigung verlangt. Diese Bedenken sind freilich nicht ganz nachvollziehbar, wenn man bedenkt, wie kompliziert heute manche Markengebiete katalogisiert sind.

3. Es fehlt eine gute «Einführung in die Postgeschichte», die Postsysteme erklärt, Begriffe erläutert und Anleitungen zu Briefinterpretationen gibt. Nur solche Grundlagen zur «angewandten Postgeschichte» führen weiter. Spezialartikel für einige wenige helfen da nicht.

4. Der postgeschichtlich Interessierte kommt nicht an die nötigen Informationen heran. Deshalb brauchen wir vor allem Veröffentlichungen der postalischen Quellen, Verträge, Akten und Verordnungen. Sicherlich finanziell kein lohnendes Unternehmen, aber für die Zukunft der Postgeschichte unerlässlich.