Deutschland: München-Napoli 1856 über Frankreich - Ein ungewöhnlicher Ausrutscher

Manchmal ist man schon recht borniert und kommt vor lauter Postverträgen und Verordnungen nicht mehr auf vernünftige und naheliegende Lösungen.
Bei dem abgebildeten Brief von München 31. August 1856 nach Neapel schlug das Herz nicht nur deshalb höher, weil die beiden Marken (6 kr. braun und 18 kr. gelb) von ausgezeichneter philatelistischer Qualität sind. Vor allem faszinierte der bisher durch keinen weiteren Brief darstellbare Postweg über Frankreich. Obwohl diese Beförderungsmöglichkeit schon seit dem Post vertrag Bayern-Frankreich von 1847, mit 27 kr. je ½> Loth, gegeben war, wurde sie von den Postkunden gemieden, denn sie kostete gegenüber dem Weg über Schweiz-Sardinien 3 kr. mehr (Grundlage Postvertrag Bayern-Schweiz 1.10.1852).
Der vorliegende Brief ging nun über Frankreich, wie die rückseitigen Stempel von Paris und Marseille unzweifelhaft beweisen, aber ist nur mit 24 kr. frankiert. Und so sehr man auch nachforschen mag, es fehlt mit Sicherheit keine Marke.

Der Brief ist ursprünglich und in keiner Weise manipuliert. Was ist also passiert?
Verwirrend ist schon der Umstand, dass die Frankatur ausdrücklich anerkannt wurde. Der P.D.-Stempel, im Vertrag Frankreich-Bayern für vollständig frankierte Briefe reserviert, ist ebenso vorhanden wie der neapolitanische «Franca»-Stempel. Es gibt keinerlei Hinweise, dass die Gebühr bis zum Zeitpunkt 1856 irgendwann geändert worden wäre. - Und immer dann, wenn es keine anderen Briefe gibt, die zum Vergleich dienen könnten, gerät man in Versuchung, zu spekulieren.
Glücklicherweise gibt es aber mittlerweile doch einige Freunde, die auch postgeschichtlich versiert sind, also geht man «hausieren». Herr Dr. Zangerle brachte schliesslich eine einleuchtende Erklärung zustande. Er wies daraufhin, dass die Leitung über Frankreich nur auf ausdrückliches Verlangen des Absenders stattfinden durfte, wohl wegen der um 3 kr. höheren Gebühr. Nachdem der Absender aber einen solchen Hinweis nicht gegeben hatte, war der Brief korrekt für den Weg über die Schweiz frankiert (9 kr. Postverein + 6 kr. Schweizer Transit + 9 kr. Seeporto ab Genua). Für die von der Post veranlasste Fehlleitung über Frankreich konnte daher der Absender nicht verantwortlich gemacht werden. Es wäre nach den damaligen Regeln nicht statthaft gewesen, den Brief mit Nachporto zu belasten, da ausschliesslich die Post selbst den Fehler verschuldet hatte.
So haben wir nun einen qualitativ hochwertigen Brief über die sonst nicht belegbare Frankreichroute, der eigentlich für den Schweizer Weg frankiert war und nachvollziehbar unbeanstandet blieb. - Die Postverhältnisse mit den italienischen Staaten sind eben immer wieder für Überraschungen gut und äusserst variantenreich.