Ein Schweizer Einschreibebrief von 1930 mit politischer Bedeutung

Anlässlich der CAPEX 96 in Toronto hielt Dr. E. C. Druce einen Vortrag über Neue Richtungen in der Postgeschichte, in welchem er u.a. auch einen neuen Abstecher von Postgeschichte erwähnte, Sozialphilatelie, die zwar mit Postgeschichte verwandt ist, aber hauptsächlich andere Gesichtspunkte berücksichtigt. So sind z.B. Reklamecouverts ein Teil der Sozialphilatelie, der schon seit langem in Amerika sehr beliebt ist, aber von der FIP bisher noch nicht anerkannt wird. Sozialphilatelie anderer Art wird hier am Beispiel eines Schweizer Umschlags gezeigt. Ihn bekam ich kürzlich bei einem Freund zu sehen, der nichts von der Bedeutung des Umschlags ahnte.
Zuerst fiel mir die Vorderseite auf, die die Adresse der NSDAP in München trägt, also vor deren Machtergreifung. Der Brief wurde in Davos-Platz am 6. Mai 1930 eingeschrieben abgeschickt und kam am nächsten Nachmittag in München an, wie die Rückseite zeigt. Der Aufkleber mit Hakenkreuz ist nicht zu übersehen und sogar mit einem der Münchener Poststempel gestempelt. Absender war ein gewisser W. Gustloff, dessen Name mir bekannt vorkam. Ich hatte aber nur von einem Schiff «Wilhelm Gustloff» gehört, das ziemlich am Ende des Zweiten Weltkrieges in der Ostsee unterging, mit dem Verlust von vielen Deutschen, die vor den Russen nach dem Westen flohen.
Also bat ich meinen Freund, mir den Umschlag zu leihen, damit ich Zuhause versuchen konnte, diesen Namen nachzuschlagen. Das gelang auch. Zuerst fand meine Frau in einem Buch über die letzten hundert Tage des Kriegs eine Tabelle von Schiffen, die 1945 versenkt wurden. Erster Name in der Liste war die «Wilhelm Gustloff», die am 30. Januar 1945 vom Torpedo eines russischen U-Boots unweit von Danzig getroffen wurde und mit etwa 5100 Leuten unterging. Sonst konnten wir nichts über Gustloff finden, bis ich endlich in unseren Bänden über den Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vom 14. November 1945 - 1. Oktober 1946 nachschlug.

In Band X, Seite 19, beginnt die Aussage von Ernst Wilhelm Bohle, in England geboren und in Südafrika aufgewachsen, der im Mai 1933 Leiter der Auslandsorganisation der NSDAP wurde. Punkt VI seiner eidlichen Zeugenaussage, hier vollständig zitiert, enthält den Namen Gustloff:
«In dem Prozess gegen den Mörder des Landesgruppenleiters der Auslandsorganisation in der Schweiz, Wilhelm Gustloff, welcher im Jahre 1936 vor einem Schweizer Gericht in Chur stattfand, war die Legalität der Arbeit der Auslandsorganisation Gegenstand der Untersuchung durch das Gericht. Der Angeklagte David Frankfurter wurde zu 18 Jahren Zuchthaus verurteilt. Aus der Erinnerung weiss ich, dass die Schweizer Behörden, die keineswegs nazifreundlich waren, bescheinigen mussten, dass Gustloff und die Landesgruppe der Auslandsorganisation in ihrer Tätigkeit keinerlei Anlass zu Beanstandungen gegeben hatten. Massgebend war damals das Zeugnis des Bundesrats Baumann, der meines Wissens damals Innen- und Polizeiminister der Schweiz war.»
Der Umschlag stammt also von dem ehemaligen Schweizer Hauptnazi, der am Abend des 4. Februar 1936 von David Frankfurter in seinem Haus in Davos erschossen wurde. Frankfurter, am 1. Juni 1945 begnadigt, wurde ausgewiesen; die Ausweisung wurde im September 1969 widerrufen. Er veröffentlichte Einzelheiten über seine Tat in Commentary 9/2 (Feb. 1950) Seiten 133-41. Er starb 1982 als 73-jähriger.
Ich habe keine Ahnung, ob der Name Gustloff in der Schweiz heute noch geläufig ist. Jedenfalls ist dieser Umschlag nicht besonders aussagefähig über Postgeschichte, sondern vielmehr über Sozialphilatelie, in diesem Falle ein politisches Zeitzeugnis der Nazi-Auslandsorganisation vor der Machtergreifung. Solche Belege sind manchmal schwer zu erhalten, und nicht immer leicht zu erkennen.