Deutschland: Zur Lage der Postgeschichte in Deutschland
Ein oberflächlicher Blick auf die Situation vermittelt den Eindruck von Stillstand. Gewohnt, zunächst nur spektakuläre, pressewirksame Ereignisse und Nachrichten zum Massstab zu nehmen, scheint die Postgeschichte in Deutschland im Dornröschenschlaf zu liegen. In der Tat, die grossen Institutionen schweigen sich dazu beharrlich aus, und die seit einigen Jahren stattfindenden Grossveranstaltungen dümpeln eher konzeptlos vor sich hin, ohne dass davon Impulse ausgehen würden. Daraus den Schluss zu ziehen, die Postgeschichte sei eine Seifenblase, die den Zenit ihrer schillernden Pracht bereits überschritten habe, wäre allerdings reichlich voreilig. Die interessanten und perspektiveträchtigen Aktivitäten spielen sich mehr im Verborgenen ab, sind aber deshalb nicht weniger tragfähig.
Ein Teil der Sammlerschaft, und es ist der bessere Teil, hat sein Interesse an der Postgeschichte intensiviert, abzulesen am Marktgeschehen, das für einschlägiges Material auch in der wirtschaftlich schwierigen Zeit Höchstpreise bewilligt. Und was vor allem nachdenklich stimmt, dieses Material wird nicht zum hoffnungslos vagabundierenden Rundläufer durch die Auktionskataloge, sondern verschwindet und wird zum festen Bestandteil konsequenter Forschungssammlungen.
Die Lage gibt daher Anlass zu Optimismus, den man dahin formulieren kann, dass die Postgeschichte sich zum Motor und wesentlicher Zukunftsperspektive des laufenden Umstrukturierungsprozesses in der Philatelie entwickelt. Ohne Zweifel verursacht sie eine Teilung in der Philatelie. Auf der einen Seite die Masse der Briefmarkensammler, die sich an lose Marken und vordergründig katalogisierbare Briefe halten - auf der anderen Seite die Postgeschichtler, die, vertraut mit historisch kritischen Forschungstechniken, ihr Material in beeindruckenden Dokumentationen verwerten. Dass der Trend eindeutig in Richtung Postgeschichte läuft, ergibt sich schon aus der simplen Tatsache, dass das Interessante und Aussagekräftige immer das Simple und Vordergründige schlägt. Manche Postgeschichtler sehen die Lage mit Besorgnis, weil sie sowohl bei der Händlerschaft, den Auktionatoren und im Lager der Verbandsfunktionäre als auch in den Institutionen wie historischen Universitätsseminaren und nicht zuletzt der Post selbst unverkennbare Ignoranz feststellen. Nun ist diese Ignoranz freilich wenig hilfreich. Immer wieder ist sogar zu sehen, dass unsere Arbeit wesentlich behindert wird. Es muss schon erschrecken, mit welcher Unverfrorenheit manche Auktionatoren geschlossene grosse Korrespondenzen aus Profitsucht zerschlagen ohne den geringsten Ansatz einer Dokumentation, die der Forschung zugänglich wäre. Mit derselben Dümmlichkeit fordern sie dann von denjenigen Informationen zur Beschreibung ihrer Lose, denen sie vorher die Türe zur Forschung zugeschlagen hatten. Nicht weniger ärgerlich ist das Verhalten der Telekom. Man kann wohl ohne Übertreibung sagen, dass sie unter den Grossbetrieben Deutschlands das geschichtsloseste Unternehmen ist. Wenn Diplomingenieure der Elektrotechnik und Informatik aus Verlegenheit zum Gralshüter der Postgeschichte gemacht werden, kann wohl kein anderes Ergebnis herauskommen. Da werden systematisch die Postmuseen demontiert, die postgeschichtlichen Zeitschriften eingestellt oder zu Betriebszeitungen degradiert. Unwiederbringliche Unterlagen werden vernichtet, eingestampft und die vorhandenen Bibliotheken zerschlagen. (So wird man in bayerischen Postämtern vergebens irgend einen Papierfitzel suchen, auf dem noch das Wort «Deutsche Bundespost» zu finden ist, und die letzten Exemplare der bayerischen Verordnungsblätter sind in Nacht- und Nebelaktionen nach irgendwo verschleppt worden.) Obwohl nach wie vor jährlich viele Millionen durch den Verkauf von zweifelhaftem Material an Sammler erzielt werden, verfügt die Telekom nicht einmal über eine wissenschaftliche Abteilung an ihren Museen und Archiven. (Die Betreuung des Archivs am Postmuseum Nürnberg überliess man Jahrzehnte lang einem Beamten des unteren Dienstes).
Und schliesslich sind da noch die historischen Lehrstühle in Deutschland, die bis zum heutigen Tag offensichtlich der Meinung sind, unsere Vorfahren hätten die mittlerweile verlorengegangene Fähigkeit der Telepathie besessen. Im Zeitalter «totaler Kommunikation» ist ihnen die Geschichte der Kommunikation nicht einmal eine Überlegung wert. Dabei könnten sie wenigstens einige ihrer hoffnungslos arbeitslosen Magister und Doktoranden bei entsprechender Ausbildung in der postgeschichtlichen Dienstleistung unterbringen. Es ist nahezu lachhaft, wenn auf einer Tagung von Archivaren, die europäische Kaufmannsarchive betreuen, nicht einmal innerhalb von drei Tagen das Wort Post oder Kommunikation fällt.
So bedauerlich dieses Horrorszenario sein mag, so dürfen wir doch nicht seine unverkennbaren Vorteile übersehen. Den Postgeschichtlern stehen unglaubliche Mengen an postgeschichtlichen Akten, Verträgen und Material zur freien ungehinderten Forschung zur Verfügung. Arbeit und Freude für Generationen. Es sind kleine Diskussions- und Arbeitsgruppen entstanden, zwischen denen regelmässig die Drähte heisslaufen, um die neuesten Funde und Erkenntnisse auszutauschen. Ihre Dokumentationen und Analysen haben mittlerweile ein Niveau erreicht, das vor Jahren niemand für möglich gehalten hätte. So ist der gesamte Bereich der europäischen Vorphilatelie wie Phoenix aus der Asche entstiegen und hat fieberhafte Forschungsaktivitäten ausgelöst, die nahezu täglich zu umwerfenden Erkenntnissen führen.
Öffentliche Ignoranz ist bisweilen eben auch ein hervorragender Schutzmantel vor schädlichen spekulativen und administrativen Eingriffen. Wir haben es mit einem historischen Material zu tun, das die geschichtliche Situation in unmittelbare, greifbare Nähe bringt, das für den analytischen Kenner umfassend intensive Blicke in historische Strukturen eröffnet, wie es kaum ein anderer Gegenstand zulässt. Von diesem Material verstehen weder Archivare, Historiker, Denkmalschützer, Zöllner oder Finanzbeamte etwas. Wo trifft man sonst eine derart paradiesische Situation an? Es gibt aber auch einige Projekte, die in den kleinen Zirkeln auf die Dauer nicht zu leisten sind. Unbedingt notwendig ist eine konsequente Herausgabe der postgeschichtlichen Quellen, ohne die weitere Forschung problematisch wird. Dazu müsste sich ein tat- und finanzkräftiger Zusammenschluss finden, der die Herausgabe ermöglicht. Ansätze dazu sind vorhanden, die zu einiger Hoffnung berechtigen.
Die Erfahrungen der Vergangenheit sind jedenfalls in vieler Hinsicht erfreulich. Es ist schon erstaunlich mit welcher Geschwindigkeit sich neue Erkenntnisse herumsprechen und den Markt in Bewegung setzen. Noch nie wurde so viel über Postgeschichte geschrieben und gelesen. Für eine früher als literaturfeindlich verschrieene Branche ein enormer Fortschritt. Es sind die stillen, auf gutem Fundament ruhenden Bewegungen, die sich durchsetzen, und auf diesem Weg befinden wir uns.