OFFENBACH - Ein Stationsstempel?


Der Stationsstempel «OFFENBACH» wird in den Stempelhandbüchern von Feuser und von Haferkamp/Probst der Endstation der Frankfurt-OffenbacherLokalbahn zugewiesen, ohne nähere Begründung oder Erläuterung. Wobei man wissen sollte, dass der Begriff «Stationsstempel» neueren Datums ist. Glasewald kannte ihn (1926) noch nicht. Er bildet auf Seite 88 den Stempel ab und schreibt: «Ganz abnorm ist ein einzeiliger Kastenstempel 29 Vi x 9 (vergl. Philatelisten-Zeitung 1918 Nr. 1) der auf Briefe gelangte, die mit der Lokalbahn befördert, aber deren Markenentwertung erst in Frankfurt a. M. (Type 4) erfolgte. Der Stempel ist sehr selten und noch auf norddeutschen Marken verwendet.»
Sebastian führt den Begriff Stationsstempel zwar dreimal auf, verwirrt aber nur, wenn er schreibt «Die Bahnhofs- (Statiom-) Stempel bestehen ...» oder «Man hat zu unterscheiden zwischen Bahnhofs- oder Stations-Stempeln, das sind meistens einzeilige Ortsstempel mit Rahmen... oder Kreisstempel...»In den Thurn und Taxis-Briefen der Arbeitsgemeinschaft wird 1956 und 1957 dieser Offenbach-Stempel ohne weitere Erklärung abgebildet und dann 1960 ohne Abbildung als «Offenbach-Station» bezeichnet. Auch die Lexika führen nicht weiter. Bungerz kennt den Begriff überhaupt nicht und Grallert/Gruschke geben eine Erklärung, die für den Offenbach-Stempel ganz bestimmt nicht zutrifft: «philat. Bez. für Stempel mit Ortsangabe in Preußen Mitte des 19. Jh., die vom Bahnpersonal auf bei der Bahnpost eingelieferten Sendungen angebrachtwurden (anstatt handschriftl. Vermerk).»
Des Rätsels Lösung dürfte ein Brief bringen, den ich im Fürst Thurn und Taxis-Archiv (FZA) Regensburg fand:

An das fürstliche Oberpostamt
dahier.
Frankfurt am Main, 10.11.1864
Das Aushängen eines Briefkastens im Bahnhofe Offenbach betreffend: Mit Bezugnahme auf den Bericht vom S.d. M. eröffnen wir Ihnen unter Rückgabe der Anlagen das folgende. In dem Bahnhofe zu Offenbach ist ein gusseiserner Briefkasten mit Einsatzbeuteln zu dem Zwecke aufgehängt worden, damit von den Begleitern der mit der Frankfurt-Offenbacher Eisenbahn zu befördernden Briefposten bei den dermalen auf Offenbach um 940 Vorm. u. 415 Nachm. abgehenden Zügen ein Einsatzbeutel aus dem Briefkasten entnommen und durch einen anderen ersetzt, der herausgenommene sodann der BahnhofsPostexpedition dahier zur Eröffnung und weiteren Behandlung der vorhandenen Briefe überbracht werde. Der zum Öffnen der Einsatzbeutel erforderlichen Schlüssel ist der BahnhofsPostexpedition bereits von dem Postamt Offenbach übersandt worden.
Auf sämtlichen in dem Beutel befindlichen Briefen ist die Aufschrift «Offenbach» vorerst mit der Feder anzubringen. Ob hierzu nach Maassgabe des Belangs der Correspondenzen ein besonderer Ortsstempel anzuschaffen sein wird, darüber sehen wir demnächstiger Berichterstattung entgegen. Sodann sind die Briefe in gewöhnlicher Weise mit dem Umspeditionsstempel zu versehen. Die etwa sich vorfindenden Offenbacher Stadtbriefe sind alsbald wieder in die Beutel zu verschliessen und letztere stets mit der nächsten Gelegenheit wieder nach Offenbach zurückzusenden. Alle übrige Correspondenz, auch die nach Seligenstadt und Grohssteinheim bestimmt, ist hinsichtlich der Spedition gleichwie die dahier zur Aufgabe kommmenden Briefe zu behandeln. Wir beauftragen Sie Vorstehendem gemäss alsbald das Erforderliche zu verfügen.

Aus diesem Schreiben vom 10.11.1864 ist zu ersehen, dass die Lokalbahn morgens und nachmittags auch zum Transport von Postsendungen von Frankfurt nach Offenbach e.v.v. benutzt wurde und die betreffenden Züge von Kondukteuren begleitet wurden, was jedoch keine Bahnpost bedeutete. Diesen Begleitern wurden die im vorstehenden amtl. Schreiben aufgeführten Aufgaben übertragen. Die in dem Briefkasten auf dem Bahnhof Offenbach eingeworfenen Briefe wurden weder in Offenbach noch auf der Fahrt nach Frankfurt, sondern bei der Bahnhofs-Postexpedition in der Taunus-Strasse in Frankfurt bearbeitet. Sie erhielten vorerst mit der Feder die Aufschrift «Offenbach». Der im Brief angebotene Ortsstempel, in Form des Stationsstempels, dürfte kurz danach beschafft worden sein. Eingestellt wurde diese Art der Postbeförderung bestimmt schon vor 125 Jahren. Daten sind nicht bekannt. Auch konnte ich noch nicht feststellen, wann die Teilstrecke Frankfurt-Sachsenhausen stillgelegt wurde.
Der grössere Abschnitt Sachsenhausen - Oberrad - Offenbach ging am 18.1. 1955 ein.

Thurn und Taxis Umschlag U 34 A, 9 Kreuzer braun, von Offenbach nach Berlin mit dem Ra-Stpl. «OFFENBACH» und dem Nummern-Stempel 220 der Frankfurter Bahnhofs-Postexpedition.