Ein schwieriger Brief nach Australien

Der auf S. 10 abgebildete Brief, ausgeliefert am 1.6. (1854) in ELTMANN (Bayern) und frankiert mit 68 Kreuzern, gerichtet an einen Empfänger in BONDIGO, Colony of Victoria, Australia, scheint es in sich zu haben. Dr. Heibig hat ihn 1991 in seinem Buch «Bayrische Postgeschichte 1806 bis 1870» abgebildet und beschrieben (S. 259/260). «Einige Ergänzungen und Korrekturen» dazu veröffentlichte Rainer Brack bereits im Rundbrief Nr. 431 des DASV vom September 1996. Der Brief trägt den Leitvermerk «Via Triest». Dieser Weg war genauso wegen des Krimkrieges gesperrt, wie der Weg über Marseille oder über England. Die Türkei hatte am 4.10.1853 Russland den Krieg erklärt, Frankreich und England schlössen sich am 28.3.1854 an, ab 26.1. 1855 auch noch das Königreich Sardinien. Schon vor ihrem Kriegseintritt haben England und Frankreich alle Schiffe, nicht nur im Mittelmeer, die sie chartern konnten, mit Beschlag belegt. Militärtransporte gingen vor. Für Post- und sonstige Ziviltransporte wurden Segelschiffe eingesetzt oder ganz neue Schiffsrouten eröffnet. So heisst es z.B. 1855 im Verordnungsblatt der Großherzoglich Badischen Posten und Eisenbahnen: «A m 4. März wird den Postanstalten mitgeteilt, dass infolge der vorübergehenden Einstellung des im Anschluss an die englisch-ostindische Überlandpost bestandenen Paketbootdienstes zwischen Singapore und Australien die Correspondenz nach Australien bis auf weiteres weder über Triest noch über Frankreich befördert wird. Sie ist daher über Preussen nach England zu leiten und von dort um das Cup der Guten Hoffnung nach Australien abzufertigen. Die Gesamttaxe beträgt bis l Loth 9 Kr. Vereinsporto + 32 Kr. Weiterfranco: Gewichtsprogression wie beim Leitweg über Preussen und Belgien nach England.» Das mit dem Weiterfranko stimmte natürlich nicht und wurde auch kurze Zeit später berichtigt auf «statt 32 Kreuzer nun 49 Kr., so dass sich die Gesamttaxe auf 9 + 49 = 58 Kr. stellt.»

Auch im Atlantik fielen Schiffe aus. So heisst es z. B. in der Generale Nr. 16/1854 von Thurn und Taxis: «Ab Januar 1855 können die von Liverpool nach New York abgehenden Paketboote der Vereinigten Staaten, welche die vorläufig eingestellten Fahrten der britischen Paketboote von Liverpool nach York ersetzen, zur Beförderung von Briefen über Frankreich und England benutzt werden. Solche Briefe müssen auf der Adresse die Bezeichnung «voie de France etpar lespaquebots americains» haben — »
Der Brief aus ELTMANN lief nicht über England, sondern wie Brack richtig schreibt über Bremen. Der Postweg: Bremen - New York - Panama - San Francisco - Australien war kein Notbehelfwegen des Krimkrieges, sondern bestand schon lange. Ein Loth kostete von Bremen nach Australien auf diesem Wege 34 Grote der Bremer Goldwährung. Der Brief war also mit 68 Kr. ausreichend frankiert, es war sogar noch das Porto vom Eingangshafen Melbourne in Victoria bis zum Empfänger in Bondigo bezahlt.
Der Leitvermerk des Briefes «Via Trieste» wurde in Bremen mit dem bekannten PAID in rot überstempelt, die rote Taxzahl «10» - 10 US-Cents, zum Zeichen, dass der Brief von Bremen bis San Francisco bezahlt war und handschriftlich mit 4!/2 den gleichen Betrag in Silbergroschenwert angebracht. Am 9. Juli (1854) war der Brief in New York. Wie ging es dann weiter?
Bis zum Erlass der US-Congressakte vom 14. August 1848, welche die Organisation des Postdienstes in Californien und Oregon anordnete, bestand überhaupt keine regelmässige Postverbindung zwischen New York und dem äussersten Westen. Die ersten Briefpakete, welche von New York am 2.10.1848 nach San Francisco abgefertigt wurden, mussten noch den Weg um das Cap Hörn nehmen (19.000 engl. Meilen). Ein wesentlich kürzerer Weg führte über den Isthmus von Panama, der nach längeren Vorarbeiten 1851 benutzt werden konnte. Der Transport erfolgte zum Teil auf Maultieren, zum Teil mit Strombooten über den San Juan- und den NicaraguaSee. Der Weg war sehr beschwerlich und zudem auch teuer. 1851 mussten für den Posttransport über den Isthmus 40.387 Dollar, 1854 bereits 119.737 Dollar bezahlt werden. Mit der Eröffnung der Panama-Bahn über den Isthmus wurde die Reise bequemer, schnell und auch gesünder. Die Transportkosten für die Post betrugen 1856 schon 160.321 Dollar.
Diese Verhältnisse, die hohen Kosten und die ständige Zunahme des Verkehrsaufkommens veranlassten den Congress, mit seiner Akte vom 3. März 1857 die Einrichtung einer Überlandroute von New York nach San Francisco anzuordnen. John Butterfield bekam den Zuschlag, 60.000 Dollar Zuschuss im Jahr, richtete auf dem Wege über Memphis, St. Louis, Little Rock, den Rio Grande hinauf bis Fort Yuma, sodann über die Gebirgspässe des Küstengebietes 155 Stationen mit 6000 Pferden und Maultieren ein und am 15.9.1858 - nach anderen Angaben am 10. Oktober - wurde der Betrieb eröffnet. Die Beförderung nahm 23 Tage in Anspruch, die Strecke wurde dreimal wöchentlich befahren. 1861 bereits sechsmal. Das Fahrgeld betrug 150 Dollar ohne Verpflegung. Der Verkehr nahm laufend zu, die Eisenbahnmagnaten interessierten sich plötzlich für eine transkontinentale Verbindung und zwei Gesellschaften bauten gemeinsam an der Verbindung von Omaha am Missouri nach San Francisco. Die Union- und Centralpacificbahn eröffnete am 10. Mai 1869 ihren Betrieb. Die östliche Teilstrecke von New York über Buffalo nach Chicago und Omaha hatte schon vorher bestanden. Die Fahrzeit für die Gesamtstrecke von 5300 km betrug TA Tage. Der ELTMANN-Brief wurde in New York in eine Blechkiste verpackt, die aus Klima- und Sicherheitsgründen zugelötet wurde, dann per Schiff nach Colon verfrachtet, über den Isthmus per Maultier und per Stromboot nach Panama geschafft und von dort wiederum mit Schiff nach San Francisco transportiert. Und per Schiffgelegenheit ging's dann nach Australien. Erst hier wurde die Blechkiste geöffnet. Postalisch wurde der Brief nach New York erst wieder in Melbourne behandelt. Deshalb auch keine weiteren Poststempel. Die Karten im Beitrag von Brack im Rundbrief des DAS V vermitteln falsche Eindrücke von den Verkehrsverhältnissen um 1840. Die letzten Eintragungen auf der Karte von Seite 141 stammen von 1912. Und die auf Seite 142 eingetragenen Schiffsverbindungen, auch die von San Francisco nach Yokohama, sind alle erst nach 1870 eingerichtet worden. Und zum Schluss: In den Bremer Nachrichten Nr. 246 vom 17.10.1866 erschien die Bekanntmachung der Bremer Staatspost, dass nunmehr die Taxe für Briefe nach Australien pro Loth von bisher 34 auf nunmehr 22 Grote ermässigt werde.