Union Postale Allemande (IV) : Die Auslandsverbindungen des Deutsch-österreichischen Postvereins
Als ab 1849 die Briefmarken in den deutschen Staaten eingeführt wurden, wobei Bayern als erstes Land voranging, wurden sie zunächst für den internen Gebrauch vorgesehen. Erst nach dem Zustandekommen des Vereinsvertrags am 1.7.18501) konnten die Marken im Wechselverkehr mit den anderen Mitgliedern nutzbar gemacht werden, später wurde erweitert auf Fremdstaaten, welche mit einem Vereinsland Verträge abgeschlossen hatten. Der Gebrauch von Marken zur Verrechnung der Vereinsgebühr mit Barzahlung des Fremdportos ist ein typisches Phänomen für frühe Auslandskorrespondenzen von u.a. Österreich, Bayern und Oldenburg. «Neun - Kreuzer - Frankaturen» von Österreich wurden schon erwähnt von Dr. Ferchenbauer2) und von Bayern ausführlich beschrieben von Dr. Heibig. 3) In den überseeischen Beziehungen des Postvereins gibt es neben den 9-Kreuzer-Frankaturen von Österreich und Bayern weitere «geteilte» Frankaturen von Hannover und Oldenburg in Groschenwährung. «Vereins-Frankaturen» (ob Kreuzer oder Silbergroschen) gibt es in zwei Möglichkeiten: - die Vorauszahlung der Gesamtgebühr, das Vereinsfranko geklebt, der Rest in bar bezahlt, oder - das Vereinsfranko bis zur Grenze geklebt, der fremde Anteil zu Lasten des Empfängers.
Der Postverkehr zwischen Bremen und Oldenburg unterlag besonderen bilateralen Vereinbarungen4^. Nachdem Oldenburg das «franco» für Inlandsbriefe ohne Fürstentum Birkenfeld und Fürstbistum Lübeck - auf einen Groschen pro Lot, unter Wegfall des Ortsund Landbestellgeldes ermässigt hatte, galt diese Gebühr auch für «franco»- und «porto»-Briefe zwischen Oldenburg und Bremen, einschliesslich Vegesack und Bremerhafen. In der Oldenburg-Sammlung Westerloy5) gab es drei Briefe aus der Hansmann Washington-Korrespondenz, frankiert mit je einer «l/30»-Thalermarke und zusätzlicher Barzahlung von 4!/2 Silbergroschen. Letztere wurde unter einem Querstrich neben bzw. unter der Marke notiert, zusammen als gesamte vorausbezahlte Gebühr. Zwei Briefe datieren aus 1853 und 1858. Der in Abbildung l gezeigte Brief aus dem Jahr 1860, ein spätes Datum für eine Teilfrankatur,6) ist aus Neuenburg und datiert vom 27.9. (1860). Unter der Briefmarke mit Querstrich wurden «4'A» (Sgr.) in Rotstift als fremdes Porto bzw. Weiterfranko angeschrieben. Die Vorgabe des Leitwegs lautete «via Bremen». Dort wurden die 4!/2 Silbergroschen in «10» Cents umgerechnet (l Cent für Bremen, 4 Cents Seeporto und 5 Cents US Inlandsporto) und mit Kastenstempel «PAID.» bestätigt. Am 30.9. ab Bremen befördert mit der «New York» der Norddeutschen Lloyd nach New York, wo der Landungsstempel «NYORK BREM PK/OCT/17/ PAID» in rot aufgesetzt wurde. Das ermässigte Vereinsfranko von «l» Groschen galt nur für den Weg über Bremen nach USA. Mit der geschlossenen preussischen Post (Prussian Ciosed Mail) sowie in der «Open Mail» über England wurden drei Groschen verlangt und geklebt.
Dazu ein gutes Beispiel in Abbildung 2: Dieser Brief aus Oldenburg vom 15.9.1860 nach Havana (Kuba) teilfrankiert mit der 3 Groschenmarke wurde vom Absender handschriftlich mit «pr Liverpoolprfirst steamer to U. States/pr Prussian closed Mail» versehen. Der Brief hätte im Versand mit der geschlossenen preussischen Post 15% Groschen gekostet (inklusive 3 Groschen Vereinsfranko). Statt dessen wurde eine Gesamtgebühr von 22 Groschen in der «Open Mail» über Belgien, England und weiter über die Westindien Route mit britischem Dampfer nach nicht britischen Besitzungen bezahlt. Die Gesamtgebühr wurde mit der 3 Groschenmarke und dem handschriftlichen Weiterfranko von «19» (Groschen) in roter Tinte, links unten ausgewiesen. In Aachen wurde das «franco» (bis zum Landungshafen) mit rotem Einkreisstempel «P» und rückseitig f!9» (19 Silbergroschen) in blauer Tinte bestätigt. Das Postamt London notierte den Gegenwert mit «1/10» (l Shilling 10 Pence) in roter Tinte (l Shilling 6d Seeporto + 4d englisches Porto) und stempelte mit rotem Einkreisstempel «LONDON/ HV/SP 18/60/PAID».
Bei der Ankunft in Havanna wurden rückseitig der Zweikreisstempel «HAVANA/11 OCT/10/ (I)», und vorderseitig der Rahmenstempel «NE.l» (Norte Europa l Real: Inlandsporto ab Landungshafen) aufgesetzt. Aus Hannover gibt es einen ähnlichen Brief nach Mexiko (Abb. 3). Dieser Brief aus Bremervörde vom 24.2.1859 hat die Leitwegvorgabe Per Royal/Westindies Steamer», «via Ostende». Das Gesamtporto betrug 28 Silbergroschen. Drei Silbergroschen Vereinsfranko waren mit einer Briefmarke im Gegenwert von 1/10 Thaler verklebt. Das Weiterfranko von «25» Silbergroschen ist unten in roter Tinte angeschrieben: 4 Silbergroschen belgischer Transit, Seeporto bis England und britisches Porto + 21 Silbergroschen Seeporto. Befördert über Aachen mit rotem Kreisstempel «P» was die Frankierung bis zum Landungshafen bestätigte. In London wurden 25 Silbergroschen in «2/5» (2 Shilling 5 Pence) umgeschrieben: 2 Shilling ld für Seeporto + 4d belgisch/See/britischer Transit. Weiterbefördert mit der «Royal Mail Steam Packet»-Line von Southampton über Westindien nach Vera Cruz. Inlandsgebühr in Mexiko: «2» Reales. Im Deutschen Postverein sind die bayrischen «Neun - Kreuzerfrankaturen» wohl am meisten vertreten. Dr. Heibig gibt in seinem Buch eine Aufstellung von etwa 15 Briefen nach verschiedenen Ländern. Diese Zahl könnte in den letzten sechs Jahren noch etwas angewachsen sein, zumal solche Teilfrankaturen mehr und mehr von Sammlern der Postgeschichte gesucht und entdeckt werden. Zum Abschluss noch zwei NeunKreuzer-Frankaturen nach Übersee mit den beiden Varianten: Abbildung 4 zeigt uns einen Brief aus Hoechstadt/Asch vom 11.1.1853 nach Brownsville USA mit einer 9-Kreuzer-Marke als Teilfrankierung, d.h. Vereinsfranko bezahlt bis zur Grenze bzw. Bremen. Dort dementsprechend mit Kastenstempel «FRANCO/BIS/BREMEN» versehen. Im geschlossenen Beutel weiterbefördert nach Liverpool, mit der «Atlantic» der Collins Linie nach New York. In New York «NEW 20 YORK/FEB/7» gestempelt, der seit 1851 ermässigten US-Gebühr.
Der Brief in Abbildung 5 von Bamberg nach Brownsville vom 4.6.1851 ist mit 68 Kreuzern bezahlt bis zum Landungshafen, frankiert mit einer 9-Kreuzer Briefmarke für die Vereinsgebühr, und rückseitig mit handschriftlich «53/6» fremdes Porto in bar. Nach dem 1847er Postvertrag Preussen - England konnten Briefe nur unfrankiert oder bis zum Bestimmungsort frankiert werden, eine teilweise Frankierung war nicht gestattet. Die rückseitig notierte Aufteilung ist folgendermassen: 53 Kreuzer = 15 Silbergroschen, 6 Kreuzer = l 2/3 Sgr., der vertragsmässige Transit durch Belgien. Zusammen macht das aufgerundet 17 Silbergroschen, vorderseitig links unten notiert. In Aachen wurden rückseitig der Zweikreisstempel «AACHEN 6/6/ BAHNHOF» und vorderseitig der Ovalstempel «P» beide in rot gestempelt. Der «P»-Stempel ist eine Spätververwendung und einzig bekannter Abschlag in rot. Schwarze Abschläge sind nur von 1848 bis 1850 bekannt.7) Die von Aachen notierten 17 Silbergroschen sind umgerechnet 20 Pence, davon 2d für den belgischen Transit. Die restlichen 18 Pence wurden in London als «1/6» notiert, 6 Pence englisches Porto + l Shilling Seegebühr (Vertrag PreussenEngland von 1847).
Vorlagen: 1,2, Ehrhardt, Stuttgart; 3 Kruschel, Berlin; 5,6 Köhler, Wiesbaden.
1) Siehe Postgeschichte Nr. 68, S. 31
2) «Österreich Handbuch und Spezialkatalog», Dr. Ulrich Ferchenbauer, Wien 1990, S. 20
3) «Bayrische Postgeschichte 1806-1870», Joachim Heibig, Verlag Elise Heibig, Nürnberg 1991, S. 243
4) Ergänzung zu: «Für Oldenburg gab es ...» in Postgeschichte Nr. 71, S. 10
5) Spezialauktion Joachim Ehrhardt, 1992, Stuttgart
6) Dazu zitiert Dr. Heibig für Bayern (S. 243) eine Verordnung vom 24.3.1854: «... zur Erleichterung des Correspondenzverkehrs im Allgemeinen beschlossen, die Anwendung von Marken zum 1. April laufenden Jahres anfangend auch zur Ganzfrankierung der Correspondenz nach dem Vereinsauslande ohne Ausnahme zuzulassen.
7) «Aachener Postgeschichte», Wigand Bruns, Aachen 1980, S. 119