Deutschland: Neues vom Schwarzen Einser
Die Erforschung der Briefmarken gehört ebenso zur Postgeschichte wie die Arbeit an Postverträgen, Gebühren und Stempeln. Dass heutzutage über frühe Markenausgaben kaum nennenswert Neues veröffentlicht wird, liegt an der fleissigen Akribie früherer Generationen. Eine Ausnahmestellung nimmt die erste deutsche Briefmarke, der „Schwarze Einser" ein, der bislang allen Plattierungsversuchen widerstand.
Der Grund dafür ist schnell in den überdimensionalen Druckbögen von 180 Marken gefunden, die teils nur geringe und nicht immer gesicherte Abweichungen aufweisen. Und doch sind in den letzten Jahren erstaunliche Fortschritte erzielt worden, die diese Marke in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Abgesehen davon, dass die Katalogisierung der „Schwarzen Einser" künftig ganz anders aussehen dürfte, ist es durchaus spannend zu verfolgen, wie dieser Fortschritt zustande kam
1. Station: Die bisherige Katalogisierung in Platte I und Platte II war von vorneherein eine Hilfskonstruktion gewesen, die sich aber bald zum Credo verfestigte. Es stand nämlich seit langem fest, dass bereits diejenigen Marken, die man unter der Bezeichnung „ Platte I" führte, ihrerseits von zwei verschiedenen Platten gedruckt waren.
Es bot sich aber kein handfester Ansatz zu ihrer Unterscheidung, weil die insgesamt wohl 400 Einzelklischees, die zur Bestükkung der beiden Platten bereitgestellt wurden, aus demselben Material hergestellt, dieselben Charakteristika aufweisen, so dass ihre Zusammenfassung zu der Plattenbezeichnung „l" gerechtfertigt schien. Man gab sich damit um so lieber zufrieden, als es schliesslich durch ein entschieden klareres und schärferes Druckbild deutlich auffallende Marken gab, die man zur Ehre der sogenannten Platte II erheben konnte. Einige Zeit sprach man davon, dass diese Platte II aus Messing gewesen sei, doch um diese Theorie wurde es im Laufe der Zeit immer stiller. Bei den laufenden Plattierungsversuchen stiess man nämlich auf einen Widerspruch, der die Messingthese völlig aushebelte. Die Sammler blieben einstweilen ahnungslos und die Öffentlichkeit bemerkte nicht, wie kontrovers in einem kleinen Kreis darüber diskutiert wurde. Der Widerspruch, wie ihn die Gegenüberstellung in Abb. l zeigt, war so eklatant, dass man ihn unmöglich ignorieren konnte. Dabei steht das Beispiel von Feld 5 des rechten oberen Druckbogenviertels nur repräsentativ für andere Beispiele.
Marken der Platte I und Platte II Feld 5 rechts oben mit identischen Plattenfehlern
Das Problem besteht darin, dass exakt derselbe Plattenfehler mit übereinstimmenden Details unmöglich auf verschiedenen Platten vorkommen kann und schon gar nicht an derselben Stelle eines 180 er Bogens.Die Alternativen sahen nun so aus:
1. Man konnte diesen Widerspruch ignorieren und an der traditionellen Theorie festhalten, zumindest solange keine andere Erklärung gefunden war.
2. Oder man konnte nach einer schlüssigen Erklärung suchen. Dass zunächst die erste Möglichkeit gewählt wurde, lag wohl in der menschlichen Natur. Die Lösung liess aber nicht lange auf sich warten.
2. Station: Ein Junger Forscher, nicht in der Lage, bei den Auktionsgefechten um Luxusstücke mitzuhalten, verlegte sich auf das „Kleinholz" der Plattenfehler auf der ersten Ausgabe der bayerischen Marken. Unter einer Unzahl billiger 3 und 6 Kreuzer Marken fand sich mancher markante Fehler, und er ging nun daran, sein mittlerweile geschultes Auge auf den „Schwarzen Einser" zu werfen. Zwar standen ihm zunächst keine Originale zur Verfügung, aber es konnte nicht ausbleiben, dass er bereits bei der Arbeit an Fotos auf den erwähnten Widerspruch stiess.
Durch seine eng begrenzten finanziellen Mittel kaum abgelenkt von den aktuellen philatelistischen Strömungen widmete er sich ganz diesem Problem, fotographierte, vergößerte, verglich und analysierte, bis er schliesslich zu der Überzeugung kam, dass die sogenannte Platte II lediglich eine Überarbeitung einer der beiden Platten I sein konnte.
In Gesprächen mit Druckfachleuten entwickelte er eine Theorie dieser Umarbeitung. Um die Druckplatten vor einem weiteren schnellen Verschleiss zu schützen, wurden sie, nach dem Verfahren von Leo Schöninger, galvanisch gehärtet. Zuvor war allerdings eine Überarbeitung notwendig, bei der die Druckplatte aufgeschlossen und die einzelnen Stöckel entnommen, etwas abgeschliffen und gereinigt wurden. Der Materialabtrag mag dabei nur wenige Hundertstel Milimeter betragen haben.Anschliessend wurde die Platte wieder zusammengestellt und zugleich neu zugerichtet,indem die Trennungs- und Gruppenlinienerneuert wurden. Der Abstand zwischen dem oberen und unteren Halbbogen wurde von l mm auf 2,5 mm erweitert. Diese Überarbeitung führte zu folgenden Auswirkungen:
1. Die bis dahin grobporige Oberfläche der gegossenen Druckstöckel wurde geglättet. Dadurch ergab sich ein Druckbild mit weniger farbfreien Stellen, so dass der Druck satter und dunkler wirkte, vergleichbar den Probedrucken vom Stahlurstöckel.1. Die bis dahin grobporige Oberfläche der gegossenen Druckstöckel wurde geglättet. Dadurch ergab sich ein Druckbild mit weniger farbfreien Stellen, so dass der Druck satter und dunkler wirkte, vergleichbar den Probedrucken vom Stahlurstöckel.
1. Die bis dahin grobporige Oberfläche der gegossenen Druckstöckel wurde geglättet. Dadurch ergab sich ein Druckbild mit weniger farbfreien Stellen, so dass der Druck satter und dunkler wirkte, vergleichbar den Probedrucken vom Stahlurstöckel.
3. Alle druckenden Teile sind nun nicht nur gleichmäßiger im Druckbild sondern auch dicker. Der Grund ist darin zu suchen, dass die Vertiefungen (entsprechend den beim Druck farbfrei bleibenden Stellen) nicht senkrecht, sondern, dem Stichel des Stechers folgend, schräg abgestochen sind.
4. Infolge der galvanischen Härtung konnte, ohne grösseren Verschleiss der Druckplatte, mit mehr Druck gearbeitet werden.
5. Bei der Überarbeitung fiel der Teil der Plattenfehler weg, die im Bereich der Abtragung lagen. Deshalb lassen sich an der überarbeiteten Platten nur solche Fehlerwiederholungen nachweisen, die aus entsprechend tiefen Beschädigungen bestanden. Unsere Gegenüberstellung des Plattenfehlers auf Feld 5 stellt einen solchen tiefen Plattenschaden dar.
Damit war die Platte II von ihrem Messingsockel gestürzt.
3. Station:
Bei den intensiven Studien zur Auflösung des ärgerlichen Widerspruchs war der junge Mann auch auf den bereits bekannten Umstand gestoßen, dass die vorhandenen Bögen und grossen ungebrauchten Einheiten des „Schwarzen Einsers" durchwegs die selben Plattenmerkmale und Fehler aufwiesen. Mit dieser Feststellung war aber auch für ihn zunächst der Punkt erreicht, an dem bereits alle früheren Plattierungsversuche gescheitert waren.
Zwar liess sich aus dem vorhandenen Material unschwer ein kompletter Druckbogen von 180 Marken rekonstruieren und viele Einzelmarken durch Feldmerkmale zuordnen, aber es gab daneben eine ganze Reihe von gebrauchten Stücken, die zu dieser Rekonstruktion auf keinen Fall passten und zu der anderen Platte gehören mussten, von der keine Bogenteile erhalten sind.
Nach allen Regeln der Kunst registrierte der junge Mann, liess nur solche Plattenfehler zu, die mehrfach nachzuweisen waren und näherte sich damit immer mehr den Geheimnissen der Platte I. Bis sich schliesslich eine argumentationsfähige Zahl von Exemplaren ergab, die mit Sicherheit dieser anderen Platte zugehörten.
Die Lage war nun so: Aus den ursprünglich etwa 400 Einzelklischees wurden 2 Platten zusammengestellt. Die eine davon, rekonstruierbar durch Bögen und große Einheiten, nannte er Platte II, die andere, von der eine Reihe von Stücken, teils sogar mit Feldangabe, identifizierbar sind, nannte er Platte I. Und für die früher der Platte II zugeschriebenen Marken, die sich als Über arbeitungen seiner Platte II herausgestellt hatten, kam nur die Bezeichnung „ II a" in Frage. Diese Reihenfolge der Nummerierung ergibt sich aus einem einfachen logischen Schluss: wenn die Stücke der Platte II a Überarbeitungen derjenigen Platte sind, die auch durch grosse Einheiten, also Restbestände, hervorsticht, dann müssen diese später für den Druck verwendet worden sein als diejenige Platte, die er mit „I" bezeichnete.
4. Station:
Nun könnte man sich getrost zurücklehnen und fragen, was der ganze Rauch bedeuten solle, der da aufsteigt, denn letztlich gehe es doch nur um eine kleine Umnummerierung, die für den Sammler kaum von Bedeutung ist.
Eine solche Haltung wäre fatal, denn die ganze Diskussion hat einen entscheidenden Haken. Diese Erkenntnisse müssen nämlich notgedrungen erhebliche Auswirkungen auf die künftige Preisgestaltung beim „Schwarzen Einser" haben. Sie ergeben sich aus logisch zwingenden Gründen:Wenn ausschliesslich alle Bögen und grossen postfrischen Einheiten zur Platte II gehören, wie sieht es dann mit ungebrauchten Stücken der früheren Platte I aus?
Alle Anstrengungen haben bisher lediglich zur Feststellung einiger weniger ungebrauchter Stücke geführt, die noch dazu nicht den gängigen Qualitätsvorstellungen entsprechen. Offensichtlich wurden die Drucke der Platte I nahezu vollständig aufgebraucht. Und selbst in dem riesigen und sensationellen Bestand der Sammlung Elster, die jüngst bei Corinphila versteigert wurde und immerhin so grossartige Stükke wie den Bella Sekula Bogenteil mit doppelter Trennungslinie bot, fanden sich nur ein Einzelstück und ein Fünferstreifen mit Falz, die unerkannt versteigert wurden und inAbb2. zu bewundern sind.
Bei den gestempelten Schwarzen Einsern mag tatsächlich der Preisunterschied zwischen Platte l und II geringfügig sein, aber ungebraucht überragen die Stücke der Platte I selbst die ungebrauchten der Platte Ha. Es wird also künftig nicht mehr gleichgültig sein, welche ungebrauchten Stücke man besitzt.
Abb 2. Ungebrauchte Stücke der Platte I aus der Elster-Sammlung