Gereinigt



Dieser Stempel befindet sich auf einem Brief vom 3. Mai 1805 von Livorno nach Chur. Nebst dem „fr. Milano „ trägt er noch den Transitstempel „MILANO L.F." (Lettera Forensi). Das franco Milano ist in Mailand korrigiert und mit 4 Soldi Taxe ergänzt worden. Links oben sind 9 kr. notiert, wovon der Lindauer Bote 5 kr. dem Postamt Mailand bezahlt. 4 kr. ist der Portobetrag für den Lindauer Boten von Mailand bis Chur. Die 9 kr. sind schlussendlich in Chur in 15 Bluzger für den Empfänger umgerechnet worden.
Der Brief ist zur Desinfektion auf der Vorderseite mit einem waagrechten Rasierklingenschlitz geöffnet. Ein ähnlicher Brief mit demselben Abgang und derselben Destination von 1805 ist mir bekannt, steht mir aber momentan nicht zur Verfügung. Dieser Stempel liegt auch auf einem Brief vom 29. September 1805 von Chiavenna nach Novara vor, der sich im Besitz von Paolo Vollmeier befindet.
Merkwürdig an diesem Brief ist aber der deutschsprachige Desinfekionsstempel, da ja die Briefe aus dem italienisch sprechenden Raum stammen, resp. in demselben liefen. Um dafür eine einigermassen plausible Erklärung zu finden, sind neben Kenntnissen des Posttransportwesens auch solche der lokalen Gegebenheiten massgebend. Der abgebildete Brief von Livorno ist 1805 bestimmt mit dem Lindauer Boten von Mailand nach Chur gelangt. Zieht man noch den Brief von Chiavenna nach Novara in Betracht, könnte der Stempel „gereinigt" eigentlich nur in Mailand oder Chiavenna verwendet worden sein kann. Wo aber ist da die Logik?

Der Brief von Livorno nach Chur verlässt ja den von den Meeresküsten her mit Gelbfieber verseuchten Raum, wieso also noch eine Reinigung in Italien? Der Brief von Chiavenna nach Novara hat auf der kurzen Distanz auch keine Sonderbehandlung, sprich Desinfizierung erfahren. Dazu kommt noch die entscheidende Frage nach der Verwendung eines deutschen Stempeltextes. Was nun? --Der Brief nach Novara kann zu einer zwar hypothetischen, aber doch logischen Folgerung führen, sofern man denselben wie folgt analysiert:
1. Der Abgangsstempel fehlt, obwohl zu dieser Zeit dort einer existierte und nachweisbar in regem Gebrauch stand. (Ich habe allein aus dieser Zeit über 50 Belege)
2. Der Brief trägt auch keinerlei Tax- oder Transitvermerke, die Hinweise auf eine postalische Behandlung geben könnten.
3. Die Empfänger, die Gebrüder Hössly, waren Inhaber eines Handels- und Transportunternehmens und Betreiber einer grossen Umladestation sowie von Lagerhäusern, sogenannten Susten, in Splügen. Diese Einrichtungen benutzten die Lindau - Mailänder Boten rege. Die Gebrüder Hössly betätigten sich auch wohl in Genua und Florenz. Über eine Niederlassung in Chiaven- na oder Novara ist jedoch nichts bekannt.

Ich folgere daraus:
Der Brief ist nebst anderen in Splügen dem Fuhrmann oder einem Begleiter der Lindau - Mailänder Messagerie, der, für einen bestimmten Streckenteil, als solcher auch Angestellter der Firma Hössly sein konnte, zur Umgehung der Postgebühren („Schleichhandel"), übergeben worden.
Da schon dazumal häufig Kontrollen der Ladungen und Personen zur Verhinderung von Umgehungsgeschäften stattfanden, ist zur Vermeidung einer grösseren Busse als Abgangsort Chiavenna angegeben worden, womit dann immer noch die Möglichkeit einer ordentlichen Deklaration beim Postbüro bestanden hätte.
In Mailand hat die betreffende Person, die sicher auf Grund der Aufenthaltszeiten persönlichen Kontakt zum Boten nach Novara hatte, diesem den Brief zur SchwarzmarktBeförderung übergeben, oder demselben war die bereits erfolgte Abreise der Empfänger bekannt. Wie auch immer, der unzustellbare Brief ging auf dieselbe Art nach Splügen zurück, was ja auch nicht anders geschehen durfte, ansonsten die Umgehung aufgeflogen wäre.
In Splügen sind dann alle Briefe, bei denen feststand, dass dieselben nicht im näheren italienischen Grenzland entsprungen sind, oder dies eben auf Grund fehlender Hinweise nicht festgestellt werden konnte, und somit das Risiko einer Epidemieübertragung nach Graubünden und den deutschen Landen in sich trugen, vermutlich auf dem Areal der Firma Hössly desinfiziert worden. Der Überbringer, wohl mehrerer Briefe, ist wohl das Risiko einer Busse eingegangen, dasjenige einer Übertragung des Gelbfiebers war ihm dann sicher zu hoch, oder der Empfänger hat dies sogar selbst veranlasst.
Das würde heissen, der Stempel „Gereinigt" ist 1805 oder länger in Splügen verwendet worden. Wie auch immer der Nova- ra Brief nun gelaufen ist, ich bin der Überzeugung, dass die Briefe aus Livorno nach Chur in Splügen gereinigt worden sind.