Hätte Sokrates Briefmarken gesammelt?
Von Sokrates, der zentralen Figur der griechischen Philosophie und damit unseres abendländischen Denkens, stammt der berühmte Ausspruch: „Ich weiss, dass ich nichts weiss". (1) Wie kam dieser wissensgewaltige Mann zu dieser Aussage vollkommener Bescheidenheit? Die weisen Worte des Sokrates werden wie folgt gedeutet: Je mehr wir einen Wissensgegenstand kennen, um so mehr erahnen wir die unbegrenzten Möglichkeiten dieses Forschungsobjektes. Während unser Wissen arithmetisch zunimmt, wächst unser Nichtwissen gleich geometrisch. Kurz gesagt, jede gefundene Antwort ist zugleich wieder Quelle vieler neuer Fragen. Dass dies auch für die Philatelie zutrifft, will ich an zwei Beispielen aufzeigen.
Beispiel 1: Der Aufgabeschein für Briefpost-Nachnahmen über sechs Franken
In der POSTGESCHICHTE Nummer 61 habe ich über diese postalische Besonderheit geschrieben und das Problem abschliessend geklärt.(2) Zusammenfassend konnte ich drei Perioden unterscheiden:
1. Periode (1.1.1852-30.9.1858): Ab einem Nachnahmebetrag von sechs Franken hatte der Versender einen Aufgabeschein zu beziehen. Die Scheingebühr von 5 Rappen musste bar bezahlt werden, konnte jedoch zum Nachnahmebetrag geschlagen und damit auf den Empfänger überwälzt werden.
2. Periode (1.10.1858 - 31.7.1860): Neu waren nun die fünf Rappen für den Nachnahmeschein nicht mehr in bar, sondern mittels Briefmarken zu leisten.
3. Periode (ab 1.8.1860): Das Aufgabeschein-Obligatorium wurde abgeschafft. Der Absender konnte jedoch die Ausstellung eines Scheines auf eigene Kosten (neu: 10 Rappen) verlangen. Eine Überwälzung auf den Empfänger war nicht mehr erlaubt.
Problem gelöst? Mitnichten! Jetzt wird es philatelistisch nämlich erst interessant, denn es ergeben sich folgende Fragen: Wie war während der l. Periode das Verhältnis zwischen Belegen, bei denen die Schemgebühr nicht überwälzt wurde, und solchen mit Belastung des Empfängers? In welchem Umfang wurde in der l. Periode die Scheingebühr (entgegen der gesetzlichen Vorschrift) mit Briefmarken abgegolten? Wie hat sich diese Usanz der Frankierung entwickelt, dass sie 1858 zur geltenden Ordnung (der 2. Periode) erhoben wurde? Wa- rum wurde 1860 das Obligatorium abgeschafft? Und ich bin überzeugt, die Beantwortung all dieser Fragen wäre wiederum Ausgangspunkt zahlreicher neuer Fragestellungen...
24A auf ^-Drucksache von Delemont (21.6.55) nach Porrentruy. Gebühr 15 Rappen: 5 Rappen Drucksachengebühr im 2. Briefkreis plus 10 Rappen NProvision. Die Scheingebühr von 5 Rappen wurde bar bezahlt, jedoch dem Empfänger belastet (Zuschlag 20 Rappen).
Beispie! 2: Die Gebührenberechnung für höhergewichtige Briefe (bis 500 Gramm)
Auch für dieses Problem konnte ich aufgrund von Quellen- und Materialstudien eine umfassende Antwort finden.(3) Vereifacht kann man sagen, dass für schwerge - wichtige Briefe die Mindest - Fahrpostgebühren angewandt wurden, sobald diese billiger waren als die Briefposttaxen der entsprechenden Gewichtsstufen. Die Fahrpostgebühren wiederum waren abhängig von der Beförderungsstrecke.
26C und 24D auf schwergewichtigem Nachnahmebrief (Inhalt: Heimatschriften) von Gross-Höchstetten nach Volketschweil. Gebühr 55 Rappen: Mindest-Fahrposttaxe von 45 Rappen für die Distanz von 25 bis 40 Wegstunden plus N-Provision von 10 Rappen.
Eigentlich war nun alles klar. Doch nein! Meine Theorie war ja noch durch einschlägige Belege abzusichern. Dabei Hessen sich Anwendungen bis zur Fahrposttaxe von 45 Rappen für den Distanzbereich von 25 bis 40 Wegstunden (120 - 192 km) relativ leicht finden. Ein Brief-Beleg der Fahrposttaxe von 60 Rappen für eine Distanz über 40 Wegstunden fehlt mir jedoch trotz mehrmaligem Aufruf in der POSTGESCHICHTE noch heute. Eigentlich unverständlich! Ein solches Dokument wurde doch mit Sicherheit verschickt, beispielsweise von Basel nach Bellinzona (54 h) oder nach Chur (43 h). Doch selbst wenn ich diesen Wunschbeleg einmal in der Hand habe, so werden wohl gleich neue Begehren geweckt werden, zum Beispiel einen solchen Beleg mit Nachnahmezuschlag zu finden. Und warum nicht gleich zwei mit Nachnahmebeträgen über sechs Franken, einen mit und einen ohne Frankierung der Scheingebühr.
Und schliesslich der Höhepunkt meines Strebens: Ein Inland-Strubelporto über einen Franken für eine eingeschriebene schwergewichtige Briefsendung zum doppelten Fahrposttarif von 60 Rappen. Schön wäre auch eine l-Franken-Einzelfrankatur für einen rekommandierten schwergewichtigen Nachnahme-Inlandbrief zum doppelten Fahrposttarif von 45 Rappen plus Nachnahme-Provision von 10 Rappen...
Sicher gehen Sie mit mir einig, je mehr man in der Philatelie weiss, desto mehr möchte man noch wissen, - und je mehr man hat, desto mehr möchte man haben. Für das letzte Problem ist uns Sokrates ein guter Ratgeber. Er hat nach der Erkenntnis gelebt, dass das Haben die Klarheit des Geistes trübt und die Leichtigkeit der Seele belastet. (4) Das soll keineswegs heissen, dass Sokrates weltfremd gelebt und gelehrt hätte. Ganz im Gegenteil verliess er die Studierstube und unterrichtete auf Strassen und Plätzen. Und auch seine sokratische Methode der Pädagogik versucht, die Probleme aufgrund alltäglicher Gegebenheiten zu lösen. Die Kenntnis dieser besonderen Umstände seines Lebens und Wirkens erlaubt uns nun, die im Titel gestellte Frage zu beantworten: Sokrates hätte mit Bestimmtheit keine Briefmarken gesammelt (auch keine Strubel!), er hätte sich aber mit grossem Eifer für Briefmarken (vor allem für Sturbel!), für das Briefmarkensammeln und für die Briefmarkensammler, - eventuell sogar für die Briefmarkensammlerinnen interessiert.
(1) Sokrates wurde 470 vor Christus in Athen geboren, wo er als Pädagoge und Philosoph wirkte. Wegen angeblicher Gottlosigkeit seiner Lehren wurde er 399 vor Christus zum Tode verurteilt.
(2) Vgl. Urs Hermann, Die Portoberechnung von Briefpost-Nachnahmen über sechs Franken in der Strubelzeit, in: POSTGESCHICHTE Nummer 61, S. 19
(3) Vgl. Urs Hermann, Die Taxierung von höhergewichtigen Inland-Briefen während der Strubelzeit, in: POSTGESCHICHTE Nummer 69, S. 22 ff.
(4) Es ist bemerkenswert, dass Sokrates seine Lehren nie schriftlich festgehalten hat. Was wir von Sokrates wissen, das erfahren wir vor allem durch Platons Werke. Sokrates Vater Sophroniskos war als Bildhauer bestrebt, einer Idee eine materielle Form zu verleihen. Sein Sohn Sokrates ging den umgekehrten Weg, indem er durch seine Philosophie die Idee von der konkreten Materie zu lösen versuchte, um vom blossen Haben zum reinen Sein zu gelangen.