Einschreibegebühren nach Gewicht Rumänien - Frankreich 1869/1875
Der Postverkehr zwischen den rumänischen Donaufllrstentümern und dem Ausland wurde etwa von 1785 bis 1869 hauptsächlich von fremden Postanstalten durchgeführt. Dies hing mit der politischen Situation der Fürstentümer zusammen, die bis zum Russisch-Türkischen Krieg von 1877/78 unter der Oberhoheit der Hohen Pforte standen. So hatten die Briefmarken des rumänischen Fürstentums Moldau und der Vereinigten Fürstentümer Moldau-Walachei bis Dezember 1867 nur im Inland Gültigkeit. Erst in den Jahren 1867/68 gelang es Rumänien, die fremden Postanstalten im Lande aufzukündigen. Eine bilaterale Vereinbarung zwischen Rußssland und Rumänien vom 25.November 1867 war ein erster Erfolg und führte zur Schließung der russischen Postämter im Lande. Am l .April 1869 konnte auf Grund von Postverträgen der Auslandsbriefverkehr der Rumänischen Post mit und über Österreich-Ungarn, am 15.Juli 1869 mit dem Norddeutschen Bund beginnen. Mit dem I.April 1869 stellten die österreichischen Postbüros ihre Dienste ein. Der Postvertrag zwischen Rumänien und Österreich-Ungarn bestimmte ab l .4.1869 für frankierte, einfache Briefe von Rumänien in diese Länder eine Gebühr von 25 Bani je 15 g Gewicht. Von der nonnalen Briefgebühr von 25 Bani erhielt Rumänien 2/5, also 10 Bani, Österreich-Ungarn 3/ 5 also 15 Bani = 6 NKr. Die Einschreibegebühr betrug ebenfalls 25 Bani und verblieb dem Absendeland. Nach den Gebührentabellen "Evolutia Tarifelor Postale 1852-1992" von Calin Marinescu aus Bukarest kamen für Briefe über Österreich-Ungarn in andere Länder, also im Transit, gesonderte Taxen in Ansatz. So kostete ein Brief für jeweils 15 g Gewicht nach Konstantinopel 40 Bani, nach Italien 50 Bani, nach Rußland 60 Bani, nach Großbritannien und Irland 75 Bani; in die Schweiz und nach Dänemark aber nur 35 Bani, nach Belgien 40 Bani bzw. 35 Bani ab l S.Juli 1869. Eine Ausnahme bildete Frankreich hinsichtlich des Briefgewichtes. Gewöhnliche Briefe nach Frankreich kosteten 75 Bani je 10 g und waren im Vergleich zu anderen Ländern somit sehr teuer. (Fig.l) Ein Teil der Taxen ist uns durch das Studium zahlreicher Briefe in verschiedene Länder geläufig. Doch nun tauchte eine ungewöhnliche Frankatu r auf. Im März 1996 zeigte mir der französische Auktionator MJ.Robineau einen rekommandierten Brief vom 5.4.1869 aus Bukarest nach Frankreich, der vorderseits die Frankatur von 330 Bani und rückseits weitere 25 Bani Einschreibegebühr trug. Die mir freundlicherweise überlassene Farbkopie ermöglichte eine weitere Beschäftigung mit diesem interessanten Objekt. Ohne Zweifel war die Frankatur auf dem Brief vollständig und einwandfrei, doch entsprach sie nicht unseren bisherigen Erfahrungen. (Fig.2a+2b)
Wir sahen oben, dass gewöhnliche Briefe nach Frankreich ab l .4.1869 je 10 g Gewicht 75 Bani kosteten. Es existieren sicherlich einige Hundert dieser Briefe. Die Frankatur von 330 Bani auf dem abgebildeten, ausserordentlichen Brief ist aber kein Vielfaches der 75 Bani Gebühr, und diese Tatsache verlangte nach einer plausiblen Erklärung. Sollte der Brief überfrankiert sein ? Wie wir inzwischen herausgefunden haben, existieren aber einige weitere Beispiele für Briefgebühren nach Frankreich, die nicht mit unseren bisherigen Erfahrungen und den Tabellen von Calin Marinescu übereinstimmen. Dabei handelt sich jeweils immer um rekommandierte Briefe. So zeigte Herr Dr. Gmach auf dem 18. Symposium der Arbeitsgemeinschaft Rumänien am 3.Oktober 1997 in Budapest eine Aufgaberecepisse, die für einen Brief nach Frankreich mit 220 Bani Briefgebühr + 25 Bani Einschreibetaxe ausgestellt war. Wenn auch der dazugehörige Brief fehlte, so war doch ersichtlich, dass sich in diesem Fall die reine Briefgebühr nicht durch 75 teilen ließ. (Fig.3) Die Zeitschrift "filatelia" des rumänischen Verbandes in Bukarest veröffentlichte im Dezember 1997 eine Kopie des oben erwähnten, ungewöhnlichen Briefes (Fig.2), brachte aber eine unrichtige Deutung der Briefgebühren. Man vermutete einen Brief der 6. Gewichtsstufe (6 x 55 = 330), zuzüglich der rückseits verklebten Einschreibegebühr von 25 Bani. Im April 1998 zeigte Mr. G. Sassower aus London im Rundschreiben 104 der Arge Rumänien weitere 4 Recepissen über Einschreibebriefe nach Frankreich, mit Gebühren vermerken von jeweils 220 Bani + 25 Bani Rekom. Taxe. Die Zahlen 220 wie 330 auf dem ungewöhn10 liehen Brief sind u.a. durch 55 und 110 teilbar. Sassower bemerkt dazu: "Werden uns diese Zahlen helfen, das Rätsel zu lösen ? Das bleibt abzuwarten. Es gibt keinen Zweifel, dass die Antwort darauf in den Durchführungsbestimmungen des Postvertragesvon 1868 mit Österreich-Ungarn geliefert wird". Es lag nahe, ergänzende Informationen aus dem Kreis postgeschichtlich versierter Sammlerfreunde zu erhalten. Herr Jürgen Vogel aus München, der sich intensiv mit internationalen Posttarifen beschäftigt, versucht die Klärung der Frankatur aus französischer Sicht. Die Gebühr für einfache Briefe von Frankreich nach Rumänien betrug ab 1. April 1869 l Franc je 10 g Gewicht. Einschreibebriefe kosteten die doppelte Gebühr. Die französischen Gebühren und der Vermerk auf dem Brief: l fl 14 kr. lassen zwar verschiedene Deutungen zu, doch ist klar erkennbar,daß sich für rekommandierte Briefe von Frankreich nach Rumänien je Gewichtsstufe die Gebühr erheblich erhöhte. Somit dürften sich rekommandierte Briefe in umgekehrter Richtung je Gewichtsstufe ähnlich verteuern.
DES RÄTSELS LÖSUNG
Heft 3/1998 der rumänischen Briefmarken-Zeitschrift "filatelia" enthält nun die endgültige Lösung des Rätsels. Calin Marinescu fand inzwischen in dem Instruktionsbuch für rumänische Postbeamte "Manualul Telegrapho-Postal din 1875" folgende Erklärung für den Zeitabschnitt vom 1.4.1869 bis 30.6.1875: 1) Einfache Briefe von Rumänien über Österreich-Ungarn nach Frankreich kosten 75 Bani je 10 g Gewicht.
2) Einschreibebriefe von Rumänien nach Frankreich kosten 75 Bani Grundtaxe + 35 Bani Zusatztaxe je 10 g, somit also 110 Bani je 10 g Gewicht
3) Zusätzlich ist die romanische Einschreibegebühr von 25 Bani je Brief zu erheben (die dem Absenderland verbleibt).
Somit ist der eingangs erwähnte Brief mit der hohen Frankatur ein Brief der 3. Gewichtsstufe (bis zu 30 g), rekommandiert = 3 x 110 Bani = 330 Bani, zuzüglich 25 Bani Einschreibegebühr für Rumänien. Die 5 Siegel auf der Rückseite des ungewöhnlichen Briefes deuten auf einen wertvollen Inhalt hin - vielleicht war es Geld, ein Scheck oder ein Wechsel, entscheidend ist jedoch hier die Tatsache, dass es sich um eine eingeschriebene Sendung handelte, für die die Post im Falle des Verlusts bis zu einem bestimmten Betrag haftete.
Schlußfolgerung
Briefverkehr mit vielen Ländern, gab es 1869-1875 zwischen Rumänien und Frankreich über Österreich-Ungarn (neben der niedrigeren Gewichtsprogression von jeweils 10 g) einen Sondertarif für rekommandierte Briefe. Wie Calin Marinescu weiterhin feststellte, bestanden 1869- 1875 im Transit über Österreich-Ungarn noch für einige andere Länder wie Kirchenstaat, Italien, Malta, Algerien, verschiedene französische Überseegebiete und Brasilien spezielle Tarife für rekommandierte Briefe. Hier gibt es also noch einiges zu tun.
Die Studie zeigt den oft sehr langwierigen Weg zur Aufklärung von Postgebühren, vor allem, wenn die Originaldokumente als verloren galten oder bislang nicht zugänglich waren. Sie zeigt aber auch die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen dem erfahrenen, traditionellen Sammler, dem postgeschichtlich Interessierten und dem Archivar, der ohne Anregungen aus der Praxis auf verlorenem Posten stünde.
Fig.: l Einfacher Brief 25+50 = 75 Bani nach Frankreich
Fig.:2a+2b Brief nach Paris über Straßburg, frankiert mit 330 Bani vorderseits + 25 Bani rückseits (Vorder- und Rückseite)
Fig. 3 Aufgabe-Recepisse über einen rekommandierten Brief, der mit 220 Bani + 25 Bani Rekommandationsgebühr frankiert war.