Baden - USA im Transit über Frankreich zwischen 1846 und 1871
Bei der intensiveren Betrachtung von Auslandsbelegen aus dem Grossherzogtum Baden, vor und während der Markenzeit, kommt man sehr schnell zu dem Ergebnis, dass besonders die Vertragsverhältnisse mit Frankreich hierbei eine übergeordnete Rolle spielen. Dies hängt damit zusammen, dass in der Anfangszeit die Mehrzahl dieser Briefe nach oder über Frankreich liefen. Bereits 1825 wurde von Baden ein eigener Postvertrag geschlossen, der bis zum 31.03.1834 Gültigkeit hatte. Weitere Verträge: 1.4.1834- 30.4.1846, 1.5.1846 - 31.12.1856, 1.1.1857-31.12.1871 mit Ergänzung von 1868. Marken durften erst ab 17.04.1855 zur Frankoabgeltung verwendet werden. Darüber hinaus wurden nur noch mit dem dt.- österr. Postverein (ab 01.05.1851) und der Schweiz (ab 15.10.1852) Verträge geschlossen.
Abb. l zeigt einen bis zum Landungshafen frankierten Vormarkenbrief, via Frankreich und England, nach New York. Er trägt vorderseitig folgende Stempel:
Aufgabe-Rahmenstempel "FREIBURG 31.Mrz.51",kleiner roter Rahmenstempel. "P." Dieser äusserst seltene Stempel wurde nur auf Briefen verwendet, deren Gebühr bis zu einer bestimmten, fremdländischen Grenze vorausbezahlt war; in diesem Fall bis zum amerikanischen Landungshafen. Roter Grenzübergangsstpl. "BADE 2 STRASBOURG".
Englischer, roter Einkreisstpl. "PAID" Tax- Einkreiser "5", für das amerikanische Inlandsporto 5 Cents, welches vom Empfänger eingehoben wurde. Außerdem handschriftlicher Leitvermerk "Mit Englischem Dampfschiff über Liverpool". Für die Gebührenermittlung wird nun die Rückseite (Abb. 2) des Briefes interessant. Der Postbeamte in Freiburg vermerkte dort vorschriftsmässig die Franko-Aufteilung in der Weise, dass der französische Anteil immer über dem Bruchstrich zu stehen hatte, der eigene badische darunter. Diese Vorschrift galt bis 1857!
Nach dem Vertrag von 1846 standen drei verschiedene Möglichkeiten der Verschiffung nach Amerika zur Auswahl. Zum einen der Leitweg über England (34 Kreuzer) und zum anderen direkt von Frankreich mit französischen Paketbooten (25 Kr.) oder mit Handelsschiffen (14 Kr.). Der Absender entschied sich hier (siehe —> Leitvermerk) für den schnellen, aber teuren Weg über England. Der badische Anteil betrug 6 Kr. (Tarif von 1841, bis 12 Meilen), während der französische, bedingt durch die andere Gewichtsprogression, etwas schwieriger zu berechnen ist. Die einfache Taxe von 34 Kr. galt bis 1A Loth excl., '/2 bis % Loth excl.entsprach dem l /^-fachen Satz = 51 Kr. Dieser nur bis zum Landungshafen frankierte Brief kostete den Absender also die relativ hohe Gebühr von 57 Kr. Von diesen 57 Kr. wurde auch die englische Seetaxe bezahlt. Laut Zusatzvertrag vom l .4.1844 F-GB, muss Frankreich an England je 30 Gramm Briefe 3 Sh 4p oder 40 Decimes bezahlen. Wie sehr die französische Gewichtsprogression ausschlaggebend war für teilweise noch höhere Taxen, zeigt Abb. 3. Der Brief aus Lenzkirch vom 29.9.1863 ist frankiert mit 96 Kreuzern. Dies setzt sich zusammen aus dem badischen Anteil von 6 Kr.. (3 Kr. pro Loth) und dem ausgewiesenen Weiterfranko von l Gulden 30 Kr. = 90 Kr. (30 Kr. pro 9/20 Loth), d. h. also, 2. badische und 3. franz. Gewichtsstufe - gemäss dem Tarif vom August 1857.
Zum Vergleich: Derselbe Brief hätte bei der nur alle 14 Tage stattfindenden Versendung mit Postdampfschiffen via Bremen oder Hamburg lediglich 44 Kr. gekostet, also weniger als die Hälfte. Allerdings muß auch hinzugefugt werden, dass der Tarif für Briefe bis zu !/2 Loth excl. auf dem französischen Transitweg mit 33 Kr. relativ billig war. Zwangsläufig stellt sich nun die Frage, warum so viel Korrespondenz über Frankreich lief, wo doch andere, in den meisten Fällen günstigere Routen zur Auswahl standen. Dies kann beantwortet werden, wenn man einen Blick auf die durchschnittlichen Beförderungszeiten wirft. Ein Brief, der in Karlsruhe zwischen 13 und 14 Uhr aufgegeben wurde, erreichte auf dem Weg über Frankreich den Hafen von Le Havre in 26 !/2 Stunden, Liverpool in 62 Stunden. Dort konnte dann mit sofortiger Verschiffung gerechnet werden, da das jeweils nächste abgehende Dampfschiff benutzt wurde. Der selbe Brief wäre auf dem Weg über Preußen, Ostende, England, schon bis Liverpool ca. 90 Stunden unterwegs gewesen. Diese Beförderungszeit hing aber noch zusätzlich davon ab, wie regelmässig die Fähren zwischen Ostende und Dover verkehrten. Des weiteren war die Verschiffung auf dieser Route nur mit zwei Linien möglich, die jeweils zweimal pro Woche (Mittwoch und Samstag) ablegten. Unter diesen Gesichtspunkten kann festgestellt werden, dass also auch schon zu dieser Zeit die Beförderungsgeschwindigkeiten eine grosse Rolle spielten, zumal der überwiegende Teil der Korrespondenz Handels- oder Geschäftspapiere waren. Auch war die badische Postverwaltung natürlich daran interessiert, die französische Transitroute zu fördern, da auch die Korrespondenz aus anderen Postvereinsländern, z.B. Sachsen und Württemberg, dann durch Baden zu speditieren war.