Deutsche Expressbriefe

Die Inlands-Wertbriefe wurden in Deutschland zum 1. März 1999 abgeschafft. - Offensichtlich hatte man versäumt, diese Massnahme ausreichend bekannt zu machen. Zahlreiche Proteste führten denn auch zu einer Fristverlängerung bis zum l .April. Beleuchtet man die näheren Umstände dieses Vorgangs, braucht man kein Schelm zu sein, um auf böse Gedanken zu kommen.

1. Gründe für die Abschaffung:
nicht allein; andere europäische Postverwaltungen haben bereits ähnliche Schritte unternommen. Entsprechend der Rangstufe der Befragten ändern sich die Begründungen. Zwei Gesichtspunkte werden genannt: a. die Wertangabe auf den bisherigen Wertbriefen habe zu Diebstahl und Beraubung verleitet, deshalb wolle man künftig eine offene Wertangabe vermeiden. b. Die Wertbriefe waren offensichtlich ein Verlustgeschäft und zu personalaufwendig

2. Ersatzangebot - Expressbrief
ein Faltblatt zu erhalten, das etwas dümmlich und reichlich fehlerhaft über den neuen „Expressdienst" informierte. Auf den ersten Blick war erkennbar, dass dieser Ersatz eine ungeheuerliche Verteuerung mit sich bringen würde. - Wenn man einmal von dem „Firlefanz" einer Zustellung an Sonntagen (+ 60 DM!) und der Frühzustellung vor 9.00 Uhr (30 DM!) absieht, kostet nun ein Brief bis 50 gr., versichert bis 5000 DM.: 12,50 + 5 = 17,50 DM gegenüber früher 12,20 DM. Dabei ist aber noch keine eigenhändige Unterschrift des Empfängers garantiert, denn für die eigenhändige Übergabe gegen Unterschrift müssen weitere 4 DM erlegt werden. Mit diesem Prospekt in der Hand erkundigte ich mich eingehend bei den zuständigen Stellen nach dem genauen procedere. Dabei stellte sich heraus, dass die Sendungen des „Post-Express" nur an die Hausadresse zugestellt werden können. Als Postfachinhaber bleibt man dabei auf der Strecke, weil Express-Briefe an Postfächer gar nicht erst angenommen werden. Da die Zustellung in der Regel vor Mittag stattfindet (wobei übrigens witzigerweise das ausdrückliche Verlangen einer Zustellung vor 12.00 Uhr zusätzlich 5 DM kostet) kann ich, wie viele andere, keine Expressbriefe entgegennehmen. Man ist dann genötigt, bei einer Service-Nummer anzurufen, um einen Termin für die zweite Zustellung zu vereinbaren. Selbstverständlich ist diese Nummer mit 48 Pf. pro Minute kostenpflichtig, so dass im Schnitt noch einmal 2-4 DM an Kosten anfallen. Mein Vorschlag, der Expressbote solle doch die ankommenden Briefe einfach an meinem Postamt hinterlegen, wie das auch der Paketbote tue, wurde empört zurückgewiesen. Statt dessen solle ich eine Nachbarin mit der Annahme beauftragen. Es sei aber eigentlich zu erwarten, dass jemand, der einen Expressbrief erwarte, auch gefälligst zu Hause sei. (An Intensivnutzer denkt man offenbar nicht.) Worin allerdings der Unterschied besteht, ob nun ein Postbeamter den Brief entgegennimmt oder eine Nachbarin, konnte man mir nicht erklären.
3. Im Zusammenhang mit dieser Umstellung ergeben sich aber noch weiter reichende Überlegungen.
a. Die Sicherheit der Sendungen ist auf keinen Fall gestiegen sondern eher vermindert. Einer Beraubung oder Unterschlagung der Sendungen ist nicht vorgebeugt. Die Reklamationsmöglichkeiten sind allerdings erheblich zu Lasten der Kunden verschlechtert. Die Post AG scheut sich aber nicht, ihr Monopol auf Briefe bis 100 gr. zu missbrauchen, indem die Staffelung bis 50 gr und von 50-1000gr festgesetzt wurde.
b. Reklamationen sind schon deshalb problematisch, weil die Zusatzleistungen auf dem Express-Label lediglich durchAnkreuzen erfolgen, so dass ihre Korrektheit nicht überprüfbar ist. (Abb. 1) Etwa das Verlangen „Eigenhändig" kann auch nachträglich angekreuzt werden, also dürfte damit folglich wohl kein rechtlicher Anspruch zu verbinden sein.

c. Post-Express-Sendungen werden, wie die folgenden Abbildungen zeigen, nicht einmal mit einem Poststempel versehen. Damit fallt eine der wichtigsten traditionellen Überprüfungsmöglichkeiten der Postlaufzeiten für die Kunden weg. Die Post AG kann getrost von einem ausgezeichnet schnellen Service sprechen, überprüfen kann man ihn nicht. Also auch hier gibt es keine Reklamation.
Wenn andererseits die Post AG ohnehin davon schwärmt, dass ihre gewöhnlichen Briefe bereits ändern Tags den Empfänger erreichen, und in vielen Fällen die Zustellung ebenfalls vor Mittag stattfindet, dann fragt man sich, was die PostExpress-Sendung, ausser hohen Kosten, überhaupt bringen soll. Gewöhnliche Briefe sind wenigstens gestempelt. Wenn man bei der Zustellung eines Expressbriefes nicht angetroffen wird, dauert die Zustellung dann einen Tag länger als ein eingeschriebener oder gewöhnlicher Brief. - welch ein Fortschritt!
d. Post-Express-Sendungen werden nicht mit Marken frankiert, deshalb entfallt künftig jede Veranlassung, Marken mit hohem Nennwert herauszugeben. Vermutlich hat diese Massnahme ebenfalls Methode, denn regelmässige Nutzer von Wertbriefen hatten sich stets mit billiger Frankaturware auf Umwegen eingedeckt und so nicht den vollen Preis bezahlt. Dieser Einsparung wurde jetzt ein Riegel vorgeschoben
Die Beseitigung der Wertbriefe ist sicher auch erfolgt, um die Tochterfirma „PostExpress" zu sponsern. Ohne die früheren Wertbriefkunden würde wohl kaum ein vernünftiger Mensch die derart unsinnig ausgestattete Form des Express-Briefes nutzen. In der seit zwei Monaten anhaltenden Diskussion mit den Verantwortlichen war zudem die hinterhältige Methode zu beobachten, dass bei Problemfragen stets auf die angebliche Selbständigkeit des Tochterunternehmens hingewiesen wurde, also ein Nicht-Zuständigkeitsspiel, gleichzeitig weist man in der genannten Werbebroschüre aber darauf hin, dass die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Deutschen Post AG. gelten
f. Bedingt durch den Welt-Postverein sind Wertbriefe in das Ausland weiterhin zulässig. Dafür wurde ein neues Label geschaffen, das allerdings noch nicht zu erhalten war. - Dieser Umstand könnte dazu verführen, wie vor 200 Jahren, in grenznahen Orten Forwarder einzurichten, die dann die Wertsendungen im Ausland aufgeben. Es ist ja hinlänglich bekannt, dass Auslands-Wertbriefe stets billiger waren als solche im Inland.
Es sollen hier auch einige Abbildungen geboten werden, um den postgeschichtlichen Aspekt zu dokumentieren.

Abb. 2 zeigt einen Wertbrief vom letzten Tag (31.3.1999) mit den hinlänglich bekannten Merkmalen.

Abb. 3 zeigt den neuen Expressbrief. Ohne Stempel. Entgegen den Vorschriften war er an das Postfach gerichtet. Eigentlich dürfte das nicht vorkommen, weil die PostComputer derartige Briefe verweigern. Da es sich bei Aschheim aber um einen kleinen Ort handelt, hatte ich mir nie die Mühe gemacht, die korrekte Postleitzahl für das Postfach anzugeben, sondern stets die PLZ. der Hausanschrift veröffentlicht. — Der Post Computer erkannte also nicht die Unzulässigkeit der Adresse, und dem abfertigende Postbeamte war dies ebenfalls entgangen. So kam also diese unzulässige und wohl auch widersinnige Adressierung zustande.— Welche Erfolge man allerdings damit erzielt, wenn Kunden ein solches Verfahren vielfach praktizieren würden, lässt sich nicht abschätzen.