Von Triest nach Athen für 10 Lepta?

In der Zeit vor der Inkraftsetzung des Allgemeinen Postvertrages (später UPU /Weltpostverein) am l. Juli 1875 (für Griechenland der 19. juni 1875 ") gab es verschiedene Gebührensätze für die Strecke Triest - Griechenland, so zu 55 und 70 Lepta. Da erstaunt es einen schon, dass es möglich war, einen Brief von Triest nach Athen für nur 10 Lepta zu Versenden (Abb. l). Das Geheimnis liegt im Absender, dem Österreichischen Lloyd. In der Postkonvention zwischen dem Kaiserreich Österreich und dem Kgr. Griechenland vom 9.Dezember / 27. November 1850 und dem Schifffahrtsvertrag zwischen der kgl. griechischen General-Postad-ministration und dem Verwaltungsrathe der Dampfbootfahrten des k.k. priv. österreichischen Lloyd vom 8. Dezember / 26. November!8502>.

Abb. l Brief von Triest, 4. Okt. 1871 an den Archäologen Heinrich Schliemann

Zu ersterem heisst es unter Artikel 19, Absatz 2: "Eine Ausnahme hievon machen jedoch die Correspondenzen der k.k. österreichischen Gesandtschaft, der k.k. Consule, Consulate und Agenten in Griechenland unter sich und mit ihrem Gouvernement, sowie auch die Correspondenz der lloyd'sehen Agenturen unter sich und mit dem Verwaltungsrathe in Triest" und im zweiten, dem Schifffahrtsvertrag, unter Artikel 20: "Den Capitänen der erwähnten Packetboote ist es während des Aufenthaltes Agenten des Lloyds verboten, außer den Packeten, welche ihnen von den griechischen Postbureaux übergeben werden, irgend einen Brief zu übernehmen, mit Ausnahme jedoch der diplomatischen und Consular-Depeschen für die österreichische Regierung und die Dienstpakete der Agenten der genannten Gesellschaft ". Da jeder Vertrag auch seine Interpretationsseite hat, legte der österreichische Lloyd den Vertrag zu seinen Gunsten aus. Geschrieben ist der Brief vom österreichischen Lloyd in Triest (Absendervermerk im Inneren des Briefes) und mit einem Papiersiegel des Lloyd verschlossen. So wurde der Briefportofrei bis zum Athener Büro des Lloyd befördert, hier der griechischen Post übergeben und mit der Stadtgebühr von 10 Lepta frankiert. Sicher war es nicht die Absicht des Vertrages dass auf diese Weise die Portofreiheit genutzt wurde, da ja nur der Verkehr zwischen denAgenten frei war, aber das ist eben die Interpretationsfreiheit. Der vorliegende Brief ist bislang der einzige den ich kenne, der auf diese Weise vom Lloyd befördert wurde.

1 In Griechenland war noch der Julianische Kalender gültig, so dass das Datum dem Gregorianischen Kalender damals um 12 Tage nachhinkt.
2) Zitiert nach: Allgemeines Landesgesetz- und Regierungsblatt für das Kronland Steiermark. XVI Stück. Ausgegeben und versandt am 9. April 1851