Ein ungewollter LATI-Brief

Die italienische "Linee Aeree Transcontinentali Italiane" (LATI) übernahm gewissermassen den Luftpostdienst EuropaSüdamerika, nachdem die Lufthansa ihren Südamerikadienst mit Kriegsbeginn einstellen musste. Italien war ja zu dieser Zeit (Dezember 1939) noch ein neutrales Land. Die Eröffnung der neuen Flugpostlinie nach Südamerika wurde von der Schweizer PTT im Amtsblatt vom 16.12.39 bekannt gegeben. Die Linie führte von Rom über Malaga - Villa Cisneros (Rio de Oro) - Isole dei Säle (Kapverdische Inseln) - Recife (Brasilien) - Bahia (Brasilien) bis Rio de Janeiro. Die Flüge fanden im ersten Monat 14-tägig statt, danach wöchentlich jeden Donnerstag 6 Uhr ab Rom (Flugplatz Roma-Guidonia). Ankunft in Rio am Samstag 17.15 Uhr. (der Flugplan wurde später geändert). Aus der Schweiz wurden gewöhnliche und eingeschriebene Sendungen nach Rio de Oro, den Kapverdischen Inseln und den Ländern in Südamerika angenommen, erstmalig am Mittwoch, den 20.Dezember, bei der Sammelstelle Chiasso 2, die die Sendungen mit der Bahn dem Postamt Roma ferrovia zuführte. Der Luftpostzuschlag betrug für Postkarten und Briefe je 5 gr. Fr 2.10 für Länder in Südamerika. Zu dieser Zeit (wir sind noch im Dezember 1939) war zwar Krieg zwischen Deutschland und Frankreich, aber es fiel kein Schuss. Französische und deutsche Soldaten lagen sich auf Rufweite gegenüber, man sprach von einer "dröle de guerre". Auch die Air France hatte keinen Grund, ihren Dienst nach Südamerika aufzugeben.Einmal in der Woche (sonntags 7.50 Uhr) starteten ihre Maschinen von Marseille aus über Dakar, Pernambuco (Recife), Bahia, Rio de Janeiro, Montevideo, Buenos Aires bis nach Santiago de Chile. Sie nahmen auch vertragliche Post aus europäischen Ländern mit, so auch Post aus der Schweiz. Hier betrug der Flugpostzuschlag Fr 2.- für je 5 gr. Postsammelstelle war Genf l, von dort ging es mit der Bahn nach Marseille. Und so sollte auch unser Brief, der von der Briefannahme Bern l am 15.12.39 um 17 Uhr gestempelt wurde, nach Buenos Aires befördert werden. Der Leitvermerk von Bern "via Geneve" bestätigt es. Nehmen wir an, der Brief war am nächsten Tag (16.12.) in Genf; es war ein Samstag. Er hätte also sogleich nach Marseille weitergeleitet werden müssen, um am Sonntagmorgen das Flugzeug nach Südamerika zu erreichen. Das ist aber nicht erfolgt! Dafür muss eine Veranlassung vorgelegen haben. Ich kann mir vorstellen, dass Paris die Postverwaltungen in Europa ersucht hat, keine Sendungen für die Südamerikalinie der Air France mehr nach Marseille zu leiten, weil die Ladekapazität des Flugzeuges erschöpft sei. Man bedenke, dass die Flüge der Lufthansa, die auch immer eine Menge Post nach Südamerika befördert hatten, nun ausgefallen waren. Dazu kam die zusätzliche Weihnachtspost (zu einer ermässigten Taxe). In dieser Lage war die Meldung aus Bern über eine bevorstehende Eröffnung einer neuen Linie nach Südamerika mehr als willkommen. Der Leitvermerk wurde zu "Chiasso 2" geändert (auf der Kopie nicht lesbar), und der Brief erreichte Rom rechtzeitig zum Eröffnungsflug der LATI am 21.12. Die italienische Post hatte für den Erstflug zwei etwas verschiedene Sonderstempel vorbereitet, von denen einer auf allen Sendungen abgeschlagen wurde. Auf unserem Brief ist der Stempel kopfstehend, weil der Brief im Bündel verkehrt eingelegt war. Der Ankunftstempel von Buenos Aires ist vom 25.12.193920-21 Uhr. Das Flugzeug war am 24.12. in Rio de Janeiro eingetroffen.