Si tacuisses....
Mit launigen Worten äusserte sich ein bekannter Briefmarken - Altfunktionär unter dem Titel "Unter uns gesagt" zur Zukunft der Philatelie. (Festvortrag anlässlich des 102. deutschen Philatelistentages am 7. Oktober 2001, abgedruckt in der "Philatelie", April 2002, S. 49-52) Bedenkt man den Mann und den Anlass, dann kann der lockere Ton und die konzeptionslose Offenheit nicht darüber hinwegtäuschen, dass damit ein Programm verkündet wurde, das schon an der Auswahl des angesprochenen Publikums deutlich wird: "Das Thema solle alle Besucher des Philatelistentages ansprechen, den Briefmarkensammler, den Philatelisten, die Postkunden, Funk- und Fernsehen, den Internet-Surfer, ...." Fehlen da nicht einige? Bald wird klar, wer nicht gemeint ist - die Postgeschichtler. Doch Herr Dr. med. Jaeger belässt es nicht beim Ignorieren. Wenn er der Zeiten gedenkt, "als man noch schöne Marken, Stempel, Briefe bestaunen konnte und nicht lange Texte, Blatt für Blatt, studieren musste." Er wolle mit Ausstellungen Interesse wecken: Das Land brauche neue Sammler, keine Studierenden der Philatelie. Was soll man davon halten? Ein Ausrutscher? Gewiss nicht. Steht doch einige Zeilen weiter: "Die traditionelle Sammlung verkümmert gegenüber der postgeschichtlichen Sammlung, die mit dem roten Faden immer mehr an die Entwicklung der Motivphilatelie erinnert. Manwird populären Überlegungen Chancen bieten müssen und nicht elitäre Massstäbe an postgeschichtlich wissenschaftlich aufgearbeiteten Legenden fordern, wenn junge Sammler als Aussteller gefördert werden sollen." Und er zitiert schliesslich Konsul Sieger mit den Worten: "Populär statt elitär". Nun sind Postgeschichtler geduldige Leute. Denn schliesslich hat es nahezu zweier Jahrzehnte bedurft, um die (nicht erst seit der PISA-Studie bekannte) Leseschwäche deutscher Philatelisten einigermassen zu beheben. Und ohne das unermüdliche Arbeiten der Postgeschichte, würden viele Briefmarkensammler noch heute glauben, dass der Brief nur erfunden wurde, um den Briefmarken einen Halt zu geben. Fast wäre man geneigt, dem PopulärSchlagwort entgegenzusetzen "Qualität statt Quantität". Sollte mit dieser Rede Jaegers das ohnehin flatterhafte Band zwischen Philatelie und Postgeschichte zertrennt werden? Soweit ist wohl nicht gedacht worden. Aber es wäre fatal, an diesem Band zu rütteln. Denn soviel steht fest, dass Postgeschichte die Philatelie nicht braucht und ohne sie vielleicht sogar unbelasteter forschen, schreiben, lesen und studieren könnte. Es stellt sich nämlich zunehmend deutlich heraus, dass der philatelistische Ansatz zum eigentlichen Hindernis postgeschichtlichen Fortschritts wird. Wenn man die forschende und schreibende Postgeschichte durchaus abkanzeln will, sollte dabei vielleicht bedacht werden, für wie viele Briefe diese Forschung erst eine sinnvolle Bewertungsbasis geschaffen hat, von der dann diese unfreundlichen Philatelisten heftig profitiert haben.
Und es gehört schon einige Verbohrtheit dazu, sich den eigenen Ast, auf dem man sitzt, abzusägen. Vielleicht sollte man sich auch fragen, woran es denn liegt, dass die Postgeschichte auf der Überholspur ist, dann würde vielleicht auffallen, dass dort das eigentliche Potential zu Hause ist, das den Briefmarkenladen noch halbwegs in Schwung hält, denn die Massenauflagen neuer Bildchen, die im postalischen Kommunikationsprozess zunehmend ihre Funktion verlieren, werden die Briefmarken kaum zu neuen Höhen führen. Mit einer Antwort auf den geäusserten Unsinn kann es nicht sein Bewenden haben. Ausgrenzung spornt an zur eigenen Standortbestimmung. Dabei zeigt sich dann tatsächlich, wie weit beide Welten auseinanderklaffen. Unverblümt gesagt: Postgeschichte ist eine Wissenschaft und sie lässt sich, angesichts ihrer Komplexität, auch wenn sie vielen noch nicht bewusst geworden ist, nur mit wissenschaftlichen Methoden betreiben. Dass sich Postgeschichte dabei vor allem der Vorphilatelie und frühen Markenzeit zuwendet, ist keine Spitze gegen die Briefmarkenkunde, sondern eine logische Folge der historischen Entwicklung im 19. Jahrhundert. Die Zeit zwischen 1800 und 1860 ist nun einmal die spannendste und interessanteste Periode europäischer Postgeschichte. Und diese Zeit unterscheidet sich von der späteren Markenzeit in ihrer Systematik so grundlegend, dass es kaum verbindende Denkansätze gibt. Der postgeschichtliche Ansatz kann nur ein historischer sein mit der Zielsetzung, die tatsächliche historische Kommunikationssituation so exakt wie möglich zu beschreiben. Nur dann lässt sich die Bedeu48 tung und der Wert eines Briefes im postgeschichtlichen Kontext erklären. Briefe nehmen bei dieser Arbeit eine herausragende Stellung ein als historische Primärquelle, um an ihnen die praktischen Auswirkungen der Postverträge und postpolitischen Entscheidungen zu verifizieren. Forschung in diesem Sinne heisst also, Aufarbeitung der "theoretischen" Grundlagen aus den Postverträgen und anverwandten Archivalien, die in Relation zur "Praxis" der Briefe gesetzt werden, um den tatsächlichen Kommunikationsvorgang beschreiben zu können. Der Nutzen solcher Arbeit ist klar: Für den sogenannten "einfachen" Sammler, wird dadurch eine Hilfestellung gegeben, seine eigenen Briefe zuordnen, erklären und bewerten zu können. Wissenschaftliche Arbeitsweise verhindert ja nicht die vereinfachende Rückübersetzung ihrer Ergebnisse auf das Sammlerbedürfnis. Doch es kann auch nicht ausbleiben, den Briefmarken dann den ihnen zustehenden Platz zuzuweisen als Quittungen einer bezahlten Postgebühr. Nicht mehr u,nd nicht weniger. Bei dieser Standortbestimmung wird auch klar, wie wenig philatelistische Qualitätskriterien eine Rolle spielen können. "Fehler" an einer Marke müssen in einem ganz anderen Licht gesehen werden. Herstellungsbedingte Abweichungen des Markenbildes, soweit sie die Quittungsfunktion nicht beeinträchtigen sind völlig irrelevant. Welche postgeschichtliche Aussage ist schon aus einem Plattenfehler ableitbar? Breite Markenränder sind davon ebenso betroffen wie historisch bedingte Zahnfehler. Entscheidend ist allein, ob die Verwendung einer Marke urssprünglich ist und etwas Sinnvolles zum geschichtlichen Erklärungsziel beträgt. Nachträgliche Manipulationen an Marken und Briefen sind abzulehnen, wenn sie die postgeschichtliche Aussagequalität beeinträchtigen. Ein Brief etwa, bei dem "störende" Gebührenvermerke entfernt wurden, ist postgeschichtlich unbrauchbar. Man sieht, wenn in die angestossene Richtung weiter nachgedacht wird, ergeben sich mehr trennende als verbindende Elemente. Wäre es da nicht vielmehr an der Zeit, von Seiten der Briefmarkenfunktionäre an Integration statt an Ausgrenzung zu denken. Jede Beschäftigung braucht auch ihre Elite. Das ist im Sport nicht anders als in der Medizin und Technik, weil der Fortschritt der Elite immer auch dem "Laien" zugute kommt. Hätten wir doch nur Studierende der Postgeschichte (!), dann würde sich uns ein Interessentenkreis von jungen Leuten und Historikern erschliessen, der sowohl dem Image unserer Sache als auch der Rolle der Briefmarken einen guten Dienst erweisen würde. Und es besteht kein Zweifel, dass wir uns gegenseitig nach wie vor brauchen. Wer Elite als schädlich betrachtet, denkt kurzsichtig und wahrscheinlich verantwortungslos, sicher aber unklug.
Ankündigung
Neue Zeitschrift: Europäische Postgeschichte (EPG)
Auch die Postgeschichte braucht eine wissenschaftlich orientierte Zeitschrift, mit ein bisschen hier und ein bisschen da, kommen wir nicht weiter, deshalb befasst sich diese neue Zeitschrift mit
Systematischer Quelleneditionen quer durch Europa Korrespondenzanalysen Vertragsanalysen Fachartikeln Katalog zur europ. Postgeschichte Aktuellem Wir sind uns bewusst, dass diese Zeitschrift nur einen kleinen Kreis von Interessenten finden wird, gleichzeitig aber einen hohen Aufwand erfordern wird. Deshalb planen wir von vorneherein eine kleine Auflage Wir beabsichtigen ein dreimal jährliches Erscheinen für Abonennten von 36 € (Einzelheft 20 €) zzgl. Versand Das erste Heft ist bereits in Druck und beschäftigt sich unter dem Titel "Analytische Postgeschichte" mit den neuen Methoden postgeschichtlicher Forschung. Die POSTGESCHICHTE ist von diesem Projekt ausdrücklich nicht tangiert. Bestellungen an: Dr. J. Heibig, Uranusweg 4, D - 85609 Aschheim