Ein ungewöhnlicher "Condor-Brief
Mit "Condor" ist die brasilianische Fluggesellschaft "Syndicato Condor Ltda" gemeint, die am 1. Dezember 1927 von der Lufthansa in Rio de Janeiro gegründet wurde. Übernommen wurde die Konzession von dem "Kondor Syndikat", ebenfalls eine deutsche Gründung (1924), das ab Januar 1927 mit zwei Flugbooten des Typs "Dornier Wal" (Atlantico und Pacifico) die Küstenlinie von Rio de Janeiro nach Porto Alegre und ab September 1927 bis Natal betrieb. Wie die SCADTA in Kolumbien, verausgabte auch das Syndicato Condor eigene Flugpostmarken, mit denen die Flugpostgebühr zu entrichten war. Aber anders als bei der SCADTA, waren die Condor Flugpostmarken in Europa wenig oder gar nicht bekannt. Nur in einem einzigen Fall hat die Deutsche Reichspost die Verwendung dieser Marken vorgeschrieben: bei der Südamerikafahrt des Luftschiffes "Graf Zeppelin" im Jahre 1930. Für Briefe, die von Rio de Janeiro mit Anschlussflügen weiter zu befördern waren, müssten diese Marken zusätzlich dazugeklebt werden (Amtsblatt Nr. 36 der Deutschen Reichspost vom 29.4.30). Der hier abgebildete Brief nach Brasilien - Aufgabe in Basel am 19.12.29 - konnte nur mit dem Schiff den Südatlantik überqueren; im Dezember 1929 gab es (noch) keinen Flugverkehr über den Atlantik. Adressiert ist der Brief nach Säo Francisco do Sul, einem Ort circa 600 km südlich von Rio de Janeiro auf einer Insel an der Atlantikküste.
Um die Laufzeit etwas zu verkürzen, hat der Absender die Luftpostbeforderung von Basel über Genf und Barcelona nach Lissabon verlangt und bezahlt (20 Rp.). Er hat aber nicht gewusst, dass diese Linie der Lufthansa seit dem l .November zwar noch in Betrieb war, aber nur für den Paketver-kehr nach Frankreich und Spanien. Der Luftpoststempel Geneve Poste Adrienne vom 19.12.29-17 weist allerdings daraufhin, dass der Brief dennoch mit dieser Linie bis Genf befördert wurde. Da die weitere Beförderung mit der Luftpost nicht möglich war, hat Genf den Vermerkstempel VOL NON EFFECTUE angebracht. Der Brief gelangte also mit der Bahn von Genf nach Lissabon. Eine weitere Beschleuni-gung konnte der Absender erreichen, indem er die Luftpost-beforderung von Rio de Ja-neiro nach Säo Francisco do Sul verlangte. Die Gebühr für diese Luftpost konnte er aber nicht in Schweizer Marken begleichen, weil damals keine solche Vereinbarung mit Brasilien bestand. Er musste sie deshalb in Marken des Syndicato Condor begleichen. Die konnte er von seinem Korrespondenten in Brasilien erhalten haben; sie waren aber auch bei den Geschäftsstellen des Condor Syndikats in einigen grösseren Städten Deutschlands (z.B. in Berlin SW 68, Lindenstr. 35) erhältlich. Jedenfalls hat der Absender, ein Advokat in Basel, mit diesem Brief eine kleine Rarität geschaffen, denn mir ist kein zweiter Brief bekannt, der mit der Schiffspost nach Brasilien gelangte und eine Zusatzfrankatur mit Condor-Marken aufweist. Gestempelt wurden die Condor-Marken erst bei der Ankunft von dem Condor-Büro in Säo Francisco do Sul am 14. Januar 1930. Auf der Rückseite des Briefes befindet sich ein Transitstempel von Rio de Janeiro vom 10. Januar 1930 und der Ankunftstempel von Säo Francisco do Sul vom 14. Januar 1930. Der Brief ist mit 5 Rp. überfrankiert, denn die Auslandstaxe betrug 30 Rp., Ein-schreiben 40 Rp. und der Flugpostzuschlag innerhalb Europas 20 Rp. Der Zuschlag für die Luftpostbeförderung innerhalb Brasiliens mit dem Condor Syndicat betrug 2 Milreis (2,000 Reis).