Postüberwachung in Bayern
Über die Massnahmen zur staatlichen Postspionage (Surveillance) sind wir recht gut unterrichtet. Im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München (BayHStA) lagern eine Reihe von Akten, die sich mit diesem Thema beschäftigen und sowohl über den Anlass, die Organisation und die Praxis einigen Aufschluss geben. Die treibende Kraft war der allgewaltige Minister Montgelas, der sich gegen die massiven Bedenken der obersten Postbehörde GPD. Drechsel) durchsetzte und den König zu intensiven Überwachungsmassnahmen überreden konnte. Der aktenkundige Beginn liegt mit 1812 erstaunlich spät. Aber eigentlich griff man nur auf die Methoden zurück, die bereits während und nach dem Tiroler Aufstand üblich waren. Unterm 17.4.1812 schreibt Montgelas an den Generalpostdirektor Drechsel (BayHStA Signatur MA 9597): "In dem gegenwärtigen Zeitpunkte ist sehr viel daran gelegen, dass die Korrespondenz mit aller Aufmerksamkeit bewacht werde. Durch sie werden nicht allein Nachrichten verbreitet, welche nachteilig auf das Volk einwirken, sondern selbst die Stimmung und Gesinnung wird durch sie bearbeitet. Diese Wachsamkeit verdienen vorzüglich die Briefe aus Italien, Illyrien, der Schweiz und aus Österreich, diese Briefe mögen an verdächtige oder nicht verdächtige bekannte Personen gerichtet sein. Nicht selten sind derlei Nachrichten in den Handelsbriefen und selbst oft in der Kaufmannssprache unter einem ganz unverfänglichen Anschein enthalten. Auf diese Art sind die abenteuerlichsten Gerüchte in das Königreich eingedrungen, ohne dass die Regierung früher Notiz davon erhalten hätte, um sie sogleich unterdrücken zu können. Besonders muss es übrigens dem Ministerium sein, dass von den verschiedenen Postbeamten nur einige sind, welche in Surveillierung der Korrespondenz eine Ausbeute liefern. Indem der kgl. Generalpostdirektor hierdurch auf die Notwendigkeit dieses Gegenstandes, sie zu einer besonderen Angelegenheit zu machen, aufmerksam gemacht wird, erhält er den Auftrag, die betr. Postbeamten zu einer genauen Surveillierung der beobachteten Korrespondenz aufzufordern und sich regelmässig von ihnen Rechenschaftsablagen zukommen zu lassen, das Ergebnis aber selbst von 8 zu 8 Tagen in einem Resümee darzustellen, aus welchem die Übereinstimmung der Nachrichten von verschiedenen Orten her, und an verschiedene Personen beurteilt werden kann, und solche dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten vorzulegen. Nur höchst dringende oder wichtige Dato sind einzeln vorzulegen. Im Illerkreise dürften folgende Kaufleute einer Surveillierung unterzogen werden: die Häuser Jenisch, Neubronner und Schachmaier in Kempten, Aberer und Blum in Bregenz und Klaus in Memmingen, dieses letztere Haus hatte auch bedeutende Verbindungen mit England, und es ist zu vermuten, dass sie fortdauern. Das Haus Maier führt daselbst die grössten Geschäfte und ist besonders der Aufmerksamkeit empfohlen. Nebst dem Geschehen auf Briefexpeditionen aus dem Auslande unter unbedeutenden Namen, auf welche oft gar kein Wert gelegt wird, so spediert Friseur Dumberger in Kempten Briefe, die unter seiner Adresse von Wien kommen, namentlich für die Frau des in Wien dermal befindlichen Postmeisters v. Haisdorf. Auch hierauf sind die Postbeamten, denen das erforderliche Zutrauen geschenkt ist, aufmerksam zu machen. Die Korrespondenz eines dermal hier befindlichen ehemalig öttingschen Beamten mit Namen Strampfer ist der sorgfältigsten Surveillierung zu unterwerfen. Schliesslich wird noch bemerkt, dass der Postmeister Kolb in Kempten mit fast allen Handlungshäusern eine mehr oder mindere Verbindung hat, welche bei den allenfallsigen Aufträgen der Surveillierung zu berücksichtigen ist. Der GPD. hat gleich nach Empfang dieses die geeigneten Weisungen zu erlassen, und was derselbe angeordnet hat, hierher zu berichten." Offensichtlich hatte Montgelas ganz konkrete Vorstellungen und Verdachtsmomente, die wohl aus den Berichten seiner "Geheimpolizei" stammten. Sein Vorstoss hatte eine neue Qualität gewonnen. Es ging nicht mehr allein um die Tiroler Insurgenten sondern jede Art von Opposition im Lande sollte unterdrückt werden und eine Art von Nachrichtensperre verhängt werden, deshalb sollten auch die Grenzen gegenüber Preussen und Taxis überwacht werden.Freiherr von Drechsel wollte sich dem Diktat Montgelas nicht ohne weiteres beugen und machte aus seiner ablehnenden Haltung keinen Hehl: E.K.M. geruhten mir unterm 17., 18., 20 d. M. wiederholt die strengsten Aufträge zu erteilen, in gegenwärtig wichtigem Zeitpunkte die Korrespondenz im allgemeinen und zwar die aus Italien, Illyrien, der Schweiz und Österreich, mit aller Aufmerksamkeit beobachten zu lassen. Bei den liberalen Gesinnungen, welche die Regierung E.K.M. in jeder Hinsicht bezeichnet, müssen hohe Staatsgründe diese unangenehme Massregel in einem so ausgedehnten Sinne gebieten. Mir als Staatsdiener liegt ob, die höheren Befehle zu vollziehen, nur darf ich zufolge der Gesinnungen, die ich allerhöchst dirigierendem Staatsminister Grafen von Montgelas bei seiner bekannten und allgemein geschätzten edlen Denkungsart schon in der Eigenschaft als kgl. Postkommissär frei und offen äussern durfte, und dem ich auch in meiner praktischen Dienstbahn als GPD. des Reichs seit vier Jahren gewissenschaft treu blieb, bekennen, dass ich mich nur aus Dienstzwang diesem Auftrag unterwerfen könne, ihn jedoch ebenso pünktlich und mit derselben Tätigkeit, so weit es möglich ist, vollziehen werde, als ich meine Geschäftsführung im technischen Teil des Postfachs der allerh. Beurteilung beruhigend unterwerfen darf. Ich erlaube mir im Allgemeinen zu bemerken: l. dass ein Geschäft der Art nur sehr vertrauten, geprüften Individuen übertragen werden dürfe.
2. dass, wenn der Zweck erreicht werden wolle, der Auftrag geheim in Vollzug gesetzt werden müsse. ad 1. glaube ich, dass nur wirklichen Staatsdienern ein Auftrag der Art, welcher von so heikler Natur ist, übertragen werden dürfe. Als Untergeordnete, doch ohne Kenntnis des Ganzen zu erhalten, müssen natürlich Officialen durchaus auf Haft und Gefahr der ersteren verwendet werden. Ich kann daher zur Surveillierung bloss vorschlagen: 1. OPM in Salzburg Freiherrn von Brück 2. OPM in Augsburg Lippe 3. OPM in Nürnberg Axthelm 4. OPM in Regensburg v. Baligand 5. OPM in Baireuth Grafen von Taufkirchen 6. PM in Bamberg von Graffenstein 7. PM in Innsbruck Gollner 8. PM in Lindau Tauber 9. PM in Hof Geschikt 10. PM in Landshut von Mühlholz 11. den kgl. Rath Wolf dahier Offensichtlich fanden sich nicht alle genannten Personen bereit, diesen Dienst zu verrichten, denn in der geheimen Gehaltsliste tauchen teils andere Personen auf. Wie Drechsel unterm 5.1.1813 bemerkt, standen ihm 1000 fl. für die Surveillance zur Verfügung. Den Beamten war völliges Stillschweigen auferlegt und die Bezahlung erfolgte in bar und auf Umwegen, um jede Verbindung mit einem offiziellen Auftrag zu vermeiden. Drechsel vermerkte für 1812 folgende Zahlungen: OP Meister Baligand 25 fl. dito v. Kleudgen, OPM v. Axthelm, PM Gollner, PM v Brück, PM v Lippe, PA Offizial Seidl in München 28 fl. PA Offizial Jaud 66 fl., Registratur Baumann Nov/Dez 30 fl., Registratur Franz April - Okt. Zulage 105 fl. PA Offizial Hochnester in Nürnberg 50 fl. PA Offizial Binder Regensburg 50 fl. PM v. Grafenstein Bamberg 25 fl. PM Tauber Lindau 25 fl. PM Gschickt in Hof 100 fl. PM Mühlholz Landshut 25 fl. PM Himmelswunder Brixen 25 fl. Immer wieder wies Drechsel in seinen Berichten an Montgelas darauf hin, wie wenig doch eigentlich bei der ganzen Sache herauskomme und man gewinnt den Eindruck, als habe er bewusst und im stillen Protest Albernheiten aus überprüften Briefen mitgeteilt. Zwar sollten die gewonnenen Briefabschriften nach einer angemessenen Zeit vernichtet werden, dennoch befinden sich noch heute im Bay HStA einige dicke Ordner mit Abschriften aus dieser Zeit. Daran wird deutlich, dass auch unliebsame innenpolitische Kritiker beobachtet wurden, wie z.B. der spätere Regensburger Bischof Johann Michael Sauer (1751-1832), der zu dieser Zeit Moraltheologie in Landshut lehrte, wo auch der Kronprinz Ludwig sein Schüler war. Gerade dieser Umstand lässt diese Überprüfung als recht delikat erscheinen, zumal einige Informanten den Kronprinzen besonders ins Visier genommen hatten. So teilt Drechsel aus Augsburg unterm 28.4.1812 mit: "Der anliegende anonyme Brief muss für kgl. Hoheit den Kronprinzen interessant sein, ich habe selben bereits Lerchenfeldt mitgeteilt. Der Korrespondent der mir aus früheren Briefen bekannt ist, ist ein alter Baron von Steinbach Particulier in Bruneggen, die Adressatin ist seine Schwester. Abschrift: "Auch hier sagt man schon längst, der Vizekönig sei nach Paris berufen worden, um die Regierung während Napoleons Abwesenheit zu führen. Der bayer. Kronprinz sei insweilen nach Regensburg gereist, wo er das Weitere entgegen nehmen wird. Man will sagen, er werde als Geisel nach Paris reisen müssen. Die Sage von bayrischwerden ist schon sehr alt, vielleicht geht selbe jetzt in Wirklichkeit über. Der Kronprinz ist der Allianz mit Frankreich sehr entgegen." Dass die Postüberwachung seit den Tagen des Tiroler Aufstandes eigentlich nie ganz aufgehört hatte, beweist der folgende Beitrag, den Gollner aus Innsbruck am 24.4. 1812 lieferte: "Die Briefe an den Handelsmann Oberrauch, vorzüglich jene aus der Schweiz und Österreich sind schon vor Empfang des allerhöchsten Auftrags der Untersuchung unterlegen und darin unter die Verdächtigen gezählt worden, weil er eine Schwester des in der Rebellion geschickten von Vorarlberg berüchtigt gewesenen Dr. Schneider zur Ehe hat...." Man darf nun nicht glauben, dass die Überwachung bei den Briefeschreibern unentdeckt geblieben sei. Es herrschte in dieser Beziehung ohnehin eine Art grundsätzliches Misstrauen, das sich hin und wieder durch Witz und Hähme Luft macht Drechsel selbst und seine Informanten äussern sich gelegentlich dahin, dass manche anonymen Briefe, in Kenntnis der Überwachung, nur dazu dienen sollten, um politischen Unmut gegenüber der Regierung los zu werden. Die Absender scheuten sich dabei nicht, provozierende Pseudoadressen anzugeben, damit ihr Brief auch mit Sicherheit geöffnet wurde. Andere dagegen bedienten sich kryptischer Geheimsprachen. So teilt der PM. Tauber aus Lindau am 14.5.1812 mit: "Die Beilage enthält ein Originalschreiben der corrumpierten italienischen Sprache, in Illyrien abgefasst, dessen Inhalt der Unterfertigte nicht zu entwickeln vermag. Da indessen einzelne Worte, wenn sie recht verstanden wurden, an der Unbefangenheit derselben Zweifel lassen, so bestimmte selben die Vorsicht, solchen der höheren Prüfung Euer Excellenz vorzulegen." Der Salzburger Beamte bemerkt gar unterm 11.5. 1812: "Die letzte Wiener Post brachte nichts Interessantes mit. Die Leute scheinen sich zusammen verschworen zu haben, dass sie nichts schreiben wollen, was auch die Mühe lohnt, es zu lesen. Die Tiroler Briefe, welche.einige Aufmerksamkeit verdienten, waren schon von Gollner und Himmerlswunder nach des von hier empfangenen Antrags gezeichnet, sonach durchgesehen, weswegen ich eine Wiederholung für überflüssig hielt. Mit heutigem Posttage sind endlich die ersten Feldpostbriefe in Salzburg angekommen, von altem Datum. Sie waren alle rekommandiert und von Offizieren an Weiber und Mädchen gerichtet. Die Armee hofft auf Frieden,- isst und trinkt u.v.m.. Alle diese Briefe scheinen schon die Revue [Überwachung] passiert zu haben, welches auch zweckmässig ist, als hier bei der Abgabe, wo man dem Publikum doch wahrlich keine dringenden Briefe einen halben Tag lang vorenthalten kann, aufweiche mit so vielen Schmerzen gehofft wird; aus diesen Briefen wird man auch ein nichts erfahren, als Dinge, welche auf das Wohl des Staats gar keinen Bezug haben. Die interessante militärische Korrespondenz geht durch die hinund herreisenden Offiziere und das Kriegsbureau in München, von welchem häufig Einschlüsse anher geschickt werden, ohne dass man erwarten kann, dass solche von der Armee kommen. Die meisten dieser Briefe waren franco. Es ist zwar nicht bekannt, dass die Feldpost bis Salzburg frankieren könne, während wir alles franco Hof abschicken müssen. Nachdem indessen Nürnberg uns diese Briefe nicht zutaxierte, so mussten wir es wohl glauben Übrigens können Euer Hochwohlgeboren überzeugt sein, dass alle Nachrichten, welche das Publikum beunruhigen können in München selbst von dortigen politischen Kannengiesera und Pflastertretern fabriziert und auf hundert Wegen in die Kreise verbreitet werden. Gegen diesen Strom wird es auch wohl kein Mittel geben, bis der Vorhang aufgezogen und man von dem Gang der grossen Weltbegebenheiten auf öffentlichen Wegen Kenntnis erhält. Bei uns in Salzburg gibt es nichts Neues. Über die Geschichte unseres Polizeidirektors ist ein Schleier, er amtiert nicht mehr." An diesem Schreiben wird deutlich, dass die Surveillance-Akten nicht nur allgemein historisches sondern auch postgeschichtliches Interesse verdienen. Darin finden sich auch immer wieder konkrete Hinweise zur Postbeförderung. Wenn auch andere bestätigende Quellen zur Praxis der Feldpost-Frankierung fehlen, so ist der diesbezüglichen Bemerkung aus Salzburg doch sicherlich zu vertrauen und sie liefert damit einen wichtigen Hinweis zum weiteren Verständnis dieses Postdienstes. Darüber hinaus scheint vor allem der Hinweis auf die Kennzeichnung ausspionierter Briefe sehr wichtig. Offenbar hatten sich Brück in Salzburg und Gollner in Innsbruck, bzw. Himmelswunder in Brixen verabredet, die von ihnen untersuchten Briefe mit einem Zeichen zu versehen. Für die künftige Forschung auf diesem Gebiet dürfte dieser Umstand von einigem Interesse sein. Wie diese Kennzeichnung ausgesehen hat, ist bisher noch völlig unklar und entsprechende Briefe sollten daraufhin besonders untersucht werden. Möglicherweise gab es solche Absprachen auch zwischen den schwarzen Kabinetten in Lindau, Bregenz einerund Augsburg, München andererseits. Da die Tiroler schwarzen Kabinette besonders intensiv tätig waren, dürfte das Material gar nicht so dünn gesät sein.