Ein Portobrief aus der Schweiz in den Nordd. Postbezirk
Im Lichte der Vertrags- und Tarifänderung 31.08 - 01.09. 1868
Ein kleines Stück schweizerisch / deutscher Tarifgeschichte veranschaulicht vorliegender Portobrief. Beim ersten Hinsehen ist es nur die grosse handschriftliche Taxzahl " 4 " die auffällt und eigentlich wenig Anlass gibt sich damit näher zu beschäftigen. Unfrankierte Brief in die deutschen Staaten mit Taxzahlen sind - zumindest in einem bestimmten Zeitbereich- durchaus normal und auch ziemlich häufig. Gleichwohl lohnt es sich manchmal bei solchen Sendungen auch die Stempeldaten etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, was im vorliegendem Fall eine kleine postgeschichtliche Besonderheit ans Licht brachte.
Portobrief von Sion nach Leer in Ostfriesland, Königreich Preussen, vom 31. August 1868
Der Tag der Briefaufgabe in Sion am 31.VIII.1868 war somit der letzte Tag an dem die Briefgebühren zwischen der Schweiz und den deutschen Staaten nach Entfernungsstufen resp. Taxrayonen berechnet wurden. Als die Sendung am 3.9.1868 seinen Zielort Leer im NDP-Bezirk erreichte, wurde sie dort bereits nach den Tarifbestimmungen des neuen Postvertrages (ab 1.9.1868 in Kraft) behandelt. Nach den Gebührensätzen des alten Postvertrages, gültig bis 31.8.1868, wäre der Brief von Sion (2. Schweizer Taxrayon) nach Leer (3. Vereinsl. Taxrayon) als Portobrief mit 5 Silbergroschen vom Adressaten zu bezahlen gewesen. Mit dem neuen Postvertrag vom 1.9.1868 an gab es nach Abschaffung der Taxrayone sowohl einheitliche als auch stark reduzierte Brieftarife. Man war aber auch bestrebt endlich den Versand ungenügend frankierter sowie unfrankierter Briefe drastisch einzudämmen. Dies liess sich nur mit empfindlichen Strafporto-Zuschlägen auf derartige Sendungen bewerkstelligen. Unfrankierte Briefe wurden nun mit der doppelten Gebühr der normalen Frankotaxe belegt. Da ein frankierter Brief (bis 15 gr.) mit dem neuen Vertrag nur noch 20 Rappen oder 2 Silbergroschen kostete, wurden unfrankiert ankommende Briefe aus der Schweiz, wie das Beigbeispiel zeigt, nun mit 4 Silbergroschen belastet. Kurios die Tatsache, dass in diesem Fall, trotz Strafportobelastung, die Sendung um einen Silbergroschen weniger kostete als noch wenige Tage vorher zu den alten Vertragsbedingungen. Stellt sich abschliessend die Frage: Hätte der Postbeamte in Leer die Sendung auf Grund des Abgangsdatums noch zu den alten Tarifbestimmungen taxieren müssen, oder hatte er nach den neuen Vertragsregularien richtig gehandelt?