Einführung: Die bulgarische Dorfpost Von den Anfängen bis zur Moderne
Vorwort
Die Leidenschaft des Autors für das Sammelgebiet Bulgarien erwachte bei der langjährigen Beschäftigung mit den Ausgaben für Ostrumelien und Südbulgarien. Das unbefriedigende und spärliche Angebot an Marken und Belegen für dieses Gebiet führte ihn schliesslich zu den klassischen Briefmarkenausgaben Bulgariens. Über die klassischen Ausgaben hinaus erkannte der Autor schnell, dass die Postgeschichte Bulgariens weit mehr zu bieten hat als der Standardkatalog hergibt. Ein grosser Vorteil war, dass nahezu alle Belege ab 1890 noch sehr preiswert angeboten wurden. Es fiel dabei auf, dass einige der erworbenen Belege keinen Ortschaften oder Städten zugeordnet werden konnten. Eine Nachfrage bei bulgarischen Philatelisten ergab, dass es sich um so genannte "Dorfpostbelege" handelte, die üblicherweise von Philatelisten nicht beachtet werden. Das Interesse des Autors jedoch war erwacht!
Im Verlauf weniger Jahre konnte der Autor etwa 300 verschiedene Briefe und Postkarten erwerben, die eine grosse Vielfalt an verschiedenen Stempeltypen zeigten. Es war faszinierend, dass über diesen Zeitraum hinweg keine nennenswerte Konkurrenz für die Dorfpoststempel auf dem philatelistischen Markt erkennbar war - weder in Europa, noch in den USA.
Die Suche nach hilfreicher Literatur über diese Facette der bulgarischen Postgeschichte war erfolglos. Standard oder Spezialliteratur über die bulgarische Dorfpost waren - mit Ausnahme von zwei Artikeln in der F. Pregled von 1977 und 1996 - nicht existent.Erst eine Anfrage in Bulgarien erbrachte nach längerer Zeit die "vergessenen" handschriftlichen Notizen von Stefan Weltoff, einem hervorragenden bulgarischen Philatelisten, der sich um die Erforschung der Briefmarkenausgaben und der Postgeschichte Bulgariens im Allgemeinen verdient gemacht hat.
Ausgehend von den Erkenntnissen Stefan Weltoffs erfolgte eine Aufarbeitung des akquirierten Materials und es kam zur Idee eines Werkes, dass dem interessierten Sammler in der Form eines Lehrbuches mit Katalogteil die Möglichkeit geben soll, seine Dorfpoststempel schnell zuzuordnen und wertmässig einzuschätzen. Soweit wie möglich sollten sich auch Leser mit Schwierigkeiten beim Lesen der kyrillischen Schrift Grundkenntnisse zum Lesen der Dorfpoststempel aneignen können.
Es muss angemerkt werden, dass auch während der Erarbeitung dieses Werkes laufend neue Stempel der aufgeführten Typen erworben wurden und deshalb mit Sicherheit nur ein Teil der tatsächlich existierenden Dorfpoststempel gezeigt werden kann. Die gezeigten Stempeltypen der Dorfpost müssten jedoch weitgehend vollständig sein. Die verwendete Systematik ist eine Synthese von Chronologie und Übersichtlichkeit - andere Systeme sind denkbar, haben sich hingegen in der Anwendung nicht bewährt.
Die gezeigten Stempel der Dorfbost wurden in mühevoller Kleinarbeit vom Autor an Hand der Originalstempel am PC selbst retuschiert und sind weitgehend identisch zu den Vorlagen. Es handelt sich um die erste detailgenaue Veröffentlichung der Abschläge der verschiedenen Dorfpoststempel.
In den Erklärungen zu den gezeigten Belegen werden die verwendeten Porti nicht erläutert, da in Bulgarien bis 1920 durchweg die Weltpostvereinsempfehlungen angewendet wurden und nach diesem Zeitraum hauptsächlich Standardgebühren gezeigt werden, die keiner weiteren Erklärung bedürfen.
Probleme bereitete die Übertragung der bulgarischen Sprache in das Deutsche. Für viele kyrillische Buchstaben findet sich kein Analogen in der deutschen Sprache bzw. Schrift. Selbst der Umweg über die Lautschrift führte nicht zu einer allgemein verständlichen und gut lesbaren Übertragung der in den Stempeln verwendeten bulgarischen Worte in die deutsche Sprache. Nur die Mithilfe von Bulgaren mit hervorragenden Deutschkenntnissen sorgte für eine befriedigende Interpretation der bulgarischen "stummen Buchstaben" (z. B. Ergoliam) und der "Mischlaute". Auf die Verwendung von einem Apostroph anstelle der so genannten "stummen Buchstaben" wurde wegen der besseren Lesbarkeit bewusst verzichtet. Der Autor hofft, dass der Kompromiss zwischen Lesbarkeit und korrekter Übertragung - auch bei der Grammatik - keinen allzu grossen Missmut erregen wird. Sollten einige nicht einheitliche Schreibweisen von Dörfern und Städten im Text vorkommen, so bittet der Autor um Nachsicht.
Thomas Hitzler, München im Juni 2004
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Die geschichtlichen und postgeschichtlichen Grundlagen zur Entwicklung der Dorfpost, (nach den handschriftlichen Notizen von Stefan Weltoff. Neubearbeitung und erklärende Ergänzungen von Peter Geneschky und Thomas Hitzler)
Nach der Befreiung Bulgariens von der türkischen Herrschaft im Jahre 1878 musste auch das Postwesen neu organisiert werden, um den Bedürfnissen der bulgarischen Bevölkerung gerecht zu werden. Es entstanden unterschiedliche Posteinrichtungen und die DORFPOST, die 80 Jahre lang die Ortschaften ohne Postämter bediente. Im Unterschied zu Deutschland ist die Gliederung der Ortschaften in Bulgarien in STÄDTE und DÖRFER auch heute noch sehr stark ausgeprägt. Die Bevölkerung selbst nennt die Einwohner der Dörfer nie gleichberechtigte Bürger, sondern nur Bauern oder "Dörfler". Stadt und Dorf sind in Ihrer Hierarchie deutlich voneinander abgegrenzt. In der Adresse eines Briefes wird immer noch zwischen Stadt und Dorf unterschieden. Der Unterschied war und ist in Bulgarien offiziell: nur durch einen Erlass, der in der Staatszeitung publiziert wird, konnte ein Dorf unter gewissen Vorraussetzungen zu einer Stadt aufsteigen. Massgebend sind dabei u. a. geschichtliche Gründe und der Bevölkerungsanteil der Bauernschaft. Bulgarien hatte die typischen Eigenschaften eines Agrarstaates: 85% der Bevölkerung lebte in Dörfern. Erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts überschreitet die Stadt-Bevölkerung die 50%-Grenze.
Die Grundlage des bulgarischen Postwesens bildeten die "Vorläufigen Postregeln in Bulgarien", die am 01.Mai. 1879 (Julianischer Kalender) in Kraft traten. An diesem Tag wurden die funktionierenden Telegraphen- und Postämter von der russischen Verwaltung in Bulgarien an die bulgarischen Behörden übergeben. Die "Regeln" umfassten vor allem die Organisation der Postämter in den Städten, sowie der zugehörigen Verbindungsstrecken, sagten aber nichts über die Versorgung der Dörfer mit der Post aus. Nur im Punkt 7 der Regel heisst es: "In jeder Bezirkstadt, die keine Postabteilung hat, soll ein Postkasten in der Nähe der Polizeiverwaltung aufgestellt werden. Der Bezirkskommandant bestimmt eine Person, die die Korrespondenz nach dem nächstliegenden Postamt bringt. Die gleiche Person bekommt im Postamt auch die einfache Korrespondenz, die an seine Stadt adressiert ist".
Das Fürstentum Bulgarien übernahm am 14. Mai 1879 insgesamt 26 Telegrafenämter und 9 Postämter (korrekt: 3 Postämter und 6 Postabteilungen). Gemäss Rundschreiben Nr. 1304 vom 02.09.1879 sollte in den Städten mit Telegrafenämtern, die keine Postabteilungen haben, bei den Telegrafenämtern Poststellen geschaffen werden, welche nur die Briefkorrespondenz zu bearbeiten hatten. Dadurch wurden die Voraussetzungen zur Vereinigung der Telegrafen-Verwaltung und der Postverwaltung in einer gemeinsamen Verwaltung geschaffen. Dies geschah am 01.Juli. 1880. Aus dem Rundschreiben Nr. 2031 vom 28. Juni 1880 ist ersichtlich, dass alle Postämter ihre Unterlagen und Inventare an die Chefs der Telegrafenämter abzugeben hatten unter deren Leitung sie seit dem 27. Juni 1880 standen (Verordnung Nr. 304).
Die neue Telegraphen- und Postverwaltung sollte ein Gesetz ausarbeiten, das den neuen Verhältnissen im Lande Rechnung trägt. Dieses Gesetz wurde am 24. April 1881 in der Form einer "Vorläufigen Post- und Telegraphenverordnung" vorgelegt und wurde mit Erlass (des bulgarischen Fürsten) Nr. 275 bestätigt. Die Postbehörde bekam das Monopolrecht über die Postkorrespondenz im Fürstentum Bulgarien. Dadurch ergaben sich Verpflichtungen nicht nur für die Orte mit Postämtern, sondern auch für alle Ortschaften in Bulgarien. Um dies zu erreichen, wurde eine Zusammenarbeit mit dem Innenministerium vereinbart. Das Rundschreiben Nr. 5046 voml7.06.1882 schrieb allen Bezirksverwaltungen des Innenministeriums vor, dass sich die Polizeikreisämter um die postalische Versorgung der Dörfer kümmern sollten. Demzufolge bevollmächtigte die Polizeikreisverwaltung einen Angestellten, der die einfache und die eingeschriebene Korrespondenz im Postamt erhalten sollte und zu übergeben hatte. Mit der Zustellung der Post wurden die Gendarmen verpflichtet, während sie ihre Diensttouren zu Pferde durchführten
Auf dieser Weise wurden die Dörfer im Fürstentum Bulgarien bis zum Jahr 1894 bedient. Wie bekannt, wurde parallel zum Fürstentum Bulgarien das autonome Gebiet Ostrumelien gegründet (am 01.Mai. 1879). Ostrumelien, das wie das Fürstentum Bulgarien ein "Produkt" des russisch-türkischen Krieges von 1877/8 war, wurde nach dem Berliner Vertrag vom 13. Juli 1878 in seinen Staatsgrenzen definiert. Die Bulgaren waren nach dem Berliner Vertrag gezwungen in zwei Staaten zu leben: das Fürstentum Bulgarien und Ostrumelien.
Eine "Öffentliche Post- und Telegrafenvorschrift" wurde in Ostrumelien am 30. September 1881 vom Generalgouverneur Aleko Bogoridi erlassen. Ostrumelien übernahm von der russischen Verwaltung insgesamt 14 Telegraphen- und Postämter. Die postalische Bedienung der Dörfer war auf die gleiche Weise organisiert wie im Fürstentum: über Gendarmen, die nebenbei auch Post mitführten. Offensichtlich hatten einige Gendarmen ihre postalischen Verpflichtungen allzu nachlässig erfüllt. Die Bevölkerung Ostrumeliens war unzufrieden und protestierte oft. Die Postverwaltung in Plovdiv (dt. Philippopel) sah sich gezwungen eine neue Lösung zu finden. Man entschloss sich die postalische Bedienung der Dörfer in die Hände der Dorfbewohner selbst zu legen, da die Dorfbewohner an einem reibungslosen Ablauf interessiert waren und diese Leistung nicht extra bezahlt werden musste.
.Rundschreiben Nr. 73 vom 08. Januar 1882 sah vor, dass alle Bezirkpostämter entsprechende Tabellen für die Dorfbedienung ausarbeiten. In Folge dessen stellten die Kreisämter mit Hilfe der Gemeindevorsteher Tabellen zusammen. Als Beispiel dient die folgende Tabelle für den Bezirk Stara Zagora:
Tabelle zur Abwicklung der Dorfpost im Bezirk Stara Zagora, mit Bezeichnung der wichtigsten Tauschpunkten und der Wochentage, an welchen die Gemeindevertreter die Post bekommen und abgeben


(?) bedeutet, dass die/der Buchstabe(n) im Originaltext nicht eindeutig lesbar sind, oder eine eindeutige Interpretation der Abkürzung im Originaltext nicht möglich ist. Im Jahre 1884 wurde im Kreis Kazanlak zum Tauschpunkt Tulovo (Nr. 17) auch die Siedlung Dolno Sofulari hinzugefügt. Eine Erstveröffentlichung der Tabellen erfolgte bereits in Rundbrief der ARGE BULGARIA No. 5 vom März 2003. Einige falsche Schreibweisen, sowie kleine Systematikfehler wurden korrigiert. Zuverlässigen Angaben von Herrn Fokko Kool (NL) zufolge mussten viele Dörfer aus dem Kreis von Nova Zagora entfernt werden. Soweit möglich wurden die im Originalskript abgekürzten Dorfnamen ausgeschrieben.
Nehmen wir aus der obigen Tabelle den Kreis Kazanlak zur näheren Betrachtung her. Wir finden in der Tabelle 53 Dörfer und Siedlungen, die zum Kreis Kazanlak gehören. Alle diese Orte wurden in 7 Postreviere (= Postabteilungen) eingeteilt (siehe Tabelle: Hassat, Saltakovo, Gabarevo, Malko Selo, Gorno Gjussovo, Imischleri, Tscherganovo). Der Tausch wurde nach dem Prinzip der Kette organisiert und fand zweimal wöchentlich statt. Die Vorzüge dieses "Kettensystems", sowie die Ersparnis von Löhnen für staatliche Kuriere bedürfen keiner weiteren Erläuterung. Erläuterung an einem Beispiel: Der Kurier von Hassat (heute Kran, 5,5 km von Kazanlak entfernt) erscheint um 8 Uhr im Postamt von Kazanlak. Er gibt hier die Post seines Reviers ab. Dazu gehören: Enina (6 km entfernt von Kazanlak), Sekiretschevo (heute - Hadji Dimitrovo, 8,5 km entfernt von Kazanlak), Schejnovo (11 km entfernt von Kazanlak) und Schipka (13 km entfernt von Kazanlak). Danach bekommt er die Post für sein Revier ausgehändigt.
Alle Briefe stempelt er mit seinem Stempel ohne Datum ab - "Post Dorf Hassat"= 'Tloina ceno XactTb" Die Kuriere (normalerweise übernahmen diese Tätigkeit die so genannten Kexaa bulgarisch Kehaja"Dorfausrufer", von den anderen Dörfern bewegen sich auch zu ihren Tauschpunkten. So gehen die Kuriere von Enina und Sekiretschevo nach Hassat (Entfernung 2 km, bzw. 2,5 km). Der Kurier von Sekiretschevo bedient (siehe Tabelle) auch Schejnovo und Schipka. So zeichnet sich die Kette ab: Kazanlak - Hassat - Sekiretschevo - Schejnovo/Schipka. Die Post von Kazanlak nach Schejnovo/Schipka wurde am gleichen Tag zugestellt. So war es auch bei den anderen Revieren mit Ausnahme von Tscherganovo. Hier benötigte man zwei Tage für die Postzustellung.
So wurde in Ostrumelien, ohne jegliche gesetzliche Grundlage, eine sehr wirkungsvolle und preiswerte Lösung für die postalische Bedienung von allen Dörfern und Siedlungen gefunden. Die gezeigte "Tabelle zur Abwicklung der Dorfpost im Bezirk Stara Zagora" ist eventuell nur eine Planung, da bisher nur Stempel der Kreise von Kazanlak und Nova Zagora bekannt sind.
Es muss darauf hingewiesen werden, dass die Dorfpostkuriere ihre Pflichten äusserst gewissenhaft erfüllten. Das bewährte System funktionierte bis zum Jahr 1895, obwohl 1885 Ostrumelien an Bulgarien angeschlossen wurde. Die Beispielbelege in diesem Buch (Type 1) zeigen z. B. eine Postkarte mit einer 5 Stotinki Frankatur, die 1894 von Gabarevo, Kreis Kazanlak, nach Russe abgeschickt und mit dem Stempel 'Tloina ceno Xacvrb" "Post Dorf Gabarevo" entwertet wurde.
Die DORFPOST ist als offizielle Einrichtung somit in Ostrumelien entstanden und zwar ohne gesetzliche Grundlage mittels eines Rundschreibens. Die Aufgabe der Dorfpost war es, Ortschaften zu bedienen, die keine Postämter besassen. Um 1890 gab es nur etwa 50 bis 60 Städte und eine gleich grosse Anzahl von Dörfern mit eigenem Postamt.
Bei der Erfüllung ihren Diensten trugen die Dorfkuriere eine Metallplatte an der Kleidung mit der Aufschrift: "Zwischendörfliche Post D(orf).." MeawH-cencKa noii
Die Ereignisse in Ostrumelien hatten Auswirkungen auf das Fürstentum Bulgarien. Als erster erkannte die Vorzüge der Dorfpost Herr Todor Djebarov, Bezirksverwalter von Svischtov (an der Donau). Er war sich darüber im Klaren, dass die Verwendung von Gendarmen keine gute Lösung für die Belieferung der Dörfer ist und hat mit Hilfe der Dorfvorsteher und dem Chef des Postamtes von Svischtov eine Tabelle zur postalischen Bedienung der Dörfer im Bezirk erstellt. Allerdings sollte hier, im Unterschied zu Ostrumelien, jedes Revier nur von einem einzigen und dazu noch bezahlten Kurier beliefert werden. Die Bezahlung des Kuriers übernahmen alle Gemeinden des betreffenden Reviers. Hierzu schreibt Herr Djebarov: "Es lief alles erfolgreich und die Korrespondenz wurde regelmässig, zwei mal in der Woche, zugestellt". Über seinen Erfolg hat Djebarov das Postministerium informiert und das Ministerium hat diese Methode an andere Postämter weiterempfohlen.
Als aber Djebarov später in die Bezirke Pleven und Varna versetzt wurde, stellte er fest, dass hier keine Dorfpost organisiert war. Wahrscheinlich hatten die dortigen Postämter kein Vertrauen zu dem hiesigen Dorfausrufer. Ausserdem gab es keine gesetzliche Grundlage, die die Gemeinden dazu verpflichtete die Kuriere zu bezahlen. Ein weiteres Problem bestand bereits seit der Unabhängigkeit von der Türkischen Oberhoheit: Die Regierung konnte nicht sofort das ganze Territorium unter Kontrolle bringen. Lange Zeit waren Räuberbanden Herr der Lage. Viele Staatsange-stellte arbeiteten mit den Banden zusammen. Man spürte dies besonders am Postwesen. Brief- und Geldsendungen wurden gestohlen und geplündert. Die Regierung löste dieses Problem beispielhaft mittels eines Gesetzes (Wortlaut): Wer einen Räuber anzeigt, verhaftet oder tötet, bekommt eine Geldbelohnung und wer Information über einen Räuber verschweigt, bekommt eine Gefängnisstrafe.
Mit den Änderungen der "Vorläufigen Post - und Telegraphenverordnung" in den Jahren 1883-84 und 1889 wurde die Dorfpost in Bulgarien nicht einheitlich und offiziell reglementiert. Erst am 31. Dezember 1894 erschien der Erlass (des Fürsten) Nr. 223, mit dem das erste "Gesetz für den Aufbau der Dorfpost" in Kraft trat. Mit Erlass Nr. 3 von 22. Januar 1895 wurde die "Anweisung zur Anpassung des Gesetzes für die Einrichtung der Dorfpost" bekräftigt. Die Anweisung trat laut Rundschreiben Nr. 23 vom 11. Februar 1895 ab dem 01. März 1895 in Kraft. Für den Unterhalt der Dorfpost waren im Staatsetat 120000 Groschen vorgesehen. Die ersten Stempel wurden im Oktober 1895 versandt. Die Anzahl der Stempel in der ersten Lieferung betrug 294 * Stück.
* rein rechnerisch ergeben sich 293 verschiedene Stempel durch 293 Abteilungen nach der administrativen Aufteilung Bulgariens (siehe Karte und Aufteilung Seite 13 und 14). Die berichtete Menge von 294 gelieferten Stempeln bleibt vorerst rätselhaft.
Ich zitiere einige Artikel aus dem ersten Dorfpost-Gesetz:
Artikel l. Die Dorfpost geht in der Staatspost auf; sie wird dem Post - und Telegrafenamt unterstellt und so organisiert, dass die Dorfgemeinden mindestens drei Mal (wöchentlich) bedient werden - durch Kuriere zu FUSS oder zu Pferde, oder, wenn nötig, mit Karren (tatsächlich wurde die Post zwei mal wöchentlich zugestellt, das genügte vorerst). Die Kuriere werden vom Minister eingestellt und entlassen.
Artikel 2. In den Dorfgemeinden werden Postagenturen eingerichtet und den Dorfsekretären oder Dorfschreibern unterstellt; nur sie dürfen die Korrespondenz mit den Kurieren tauschen.
Artikel 4. Pferde, Karren und Utensilien sind Eigentum der Kuriere und dürfen nicht weggesperrt oder beschlagnahmt werden solange der Kurier im Dienst ist. Artikel 5. Die Kuriere geniessen alle Rechte der Staatsangestellten. Davon ausgenommen sind die Ferien, wo sie einen Vertreter auf eigene Kosten und Verantwortung finden sollen.
Artikel 6. Die Bezahlung der Kuriere hängt von der Grosse der Reviere und von den verwendeten Transportmitteln ab.
Artikel 11. Die Kuriere müssen eine Garantiesumme von 300,- Lewa einzahlen (das entspricht etwa 6 Monatslöhnen). Diese Garantie kann überschritten werden, wenn die Kuriere zusätzliche Verantwortungen erhalten.
Die Garantiesumme von Artikel 11 war als Sicherheit gedacht, um Diebstählen oder der Zusammenarbeit von Kurieren mit Räuberbanden vorzubeugen. Die Kuriere trugen entsprechende Kennzeichen - eine Pelzmütze oder Hut mit einem Postabzeichen aus Metall, einen Brustschild aus Metall mit der Aufschrift "POST" und eine Trompete oder Posthorn über der Schulter. Das Dorfpostgesetz erfuhr später Ergänzungen und Veränderungen.
Nach Artikel 39 durfte der Postagent (der örtlichen Dorfpostagentur) keine einfachen Briefe annehmen. Die einfachen Briefe sollte man in den Postkasten einwerfen oder dem Dorfpostboten (Kurier) persönlich übergeben. Der Postagent hatte die Aufgabe (Artikel 41) Einschreibbriefe anzunehmen, sie mit Briefmarken zu bekleben und mit dem Dorfpoststempel zu entwerten. Der Kurier stempelte sie dann nachträglich (irgendwo auf der Postsendung) mit dem Datumstempel. Unfrankierte Sendungen aus dem Postkasten kennzeichnete der Kurier mit einem Nachgebührenvermerk.
Es ist verständlich, dass die Vorschriften des Artikels 39 nicht strikt eingehalten wurden, d.h. es oft wurden einfache Briefe beim Postagenten direkt abgegeben und er stempelte sie mit dem Gemeindeverwaltungsstempel. Ebenso nahmen die Kuriere auch eingeschriebene Sendungen an, die sie dann gestempelt an die an die staatliche Post weiter gaben. Der Kurier führte den Tausch der einfachen Korrespondenz an einer festgelegten Stelle in jedem Dorf seines Reviers durch. Dazu sollte er drei Mal auf dem Posthorn blasen. Die dienstliche und die eingeschriebene Korrespondenz bekam er vom Postagenten. Zum Schluss nahm er die Briefe aus dem Briefkasten mit. Die Dorfpostboten (Kuriere) sollten auch Briefmarken, Postkarten und Briefkarten an die Bewohner verkaufen. Auch die Postagenturen wurden damit betraut. Die Stempel der Kuriere dienten nur postalischen Zwecken. Die von den Postagenturen oder Kurieren ausgestellten Quittungen wurden mit Dorfpoststempeln gekennzeichnet und dem Kunden übergeben. Ab dem 11. Februar 1895 fielen aus dem Dorfpostsystem die Dörfer heraus, die auf dem Wege der regulären Staatspostroute liegen (Rundschreiben Nr. 23/2751). In diesem Falle erfolgte die Annahme von Post durch örtliche Dorfpostagenturen, die die Post an die staatlichen Postboten übergaben. Es entfiel somit der der zwischengeschaltete Transport über Dorfpostkuriere.
Rundschreiben Nr. 154/19714 vom 30. Oktober 1895 besagte, dass die Kuriere folgende Utensilien vom Ausstattungslager erhalten können: Posttaschen, Postabzeichen, Posthörner und Datumstempel. Die Stempel erhielten für jede Abteilung des belieferten Kreises eine Nummer. Der Kreis um Kazanlak z. B. wurde in vier Abteilungen bzw. Reviere eingeteilt: I - II - III - IV Es existierten dem entsprechend vier verschieden nummerierte Stempel.
Der Minister für das öffentliche Bauwesen teilte im Mai 1895 mit, dass Bulgarien seit dem Februar in Dorfpostreviere (= Dorfpostabteilungen) unterteilt ist und dass die Finanzierung auf Kosten des Staates gehe. Gegen Ende Juli setzte sich die neue Organisation der Dorfpost im ganzen Land durch.
Bemerkenswert ist, dass die Stempel mit dem Text C. fl. YHACTblCb (Dörfliche Post Abteilung) beschriftet waren. Umgangssprachlich hatte sich in Bulgarien der Name "Zwischendörfliche Post" durchgesetzt. Die Zahl der Postämter in den Dörfern des Kreises Kazanlak (insgesamt 55 Dörfer und 13 Siedlungen) ist wie folgt gewachsen:
Der erste Austausch der im Oktober 1895 verschickten Zweikreisstempel (Type 2 des Buches) erfolgte bereits kurz vor 1900. Ein wichtiger Grund liegt in der Neuorganisation der ein/einer Kreise. Offensichtlich war die Aufteilung nach dem l. Dorfpostgesetz nicht optimal. So wurde zum Beispiel der Kreis von Kizul Agatsch (Bezirk Sliven) in 7 statt 5 Bereiche aufgeteilt. Für diesen Zweck wurde eine grössere Einkreisstempeltype geschaffen (Type 3) die wir in ähnlicher Form auch bei den normalen Poststempeln Bulgariens dieser Zeit wieder finden. Nach 1900 und bis zum 1. Weltkrieg kam es zu einer sehr grossen Zahl an Neueröffnungen von Post- und Telegrafenstationen. Infolgedessen musste eine wachsende Zahl von Dorfpostabteilungen umgruppiert werden. Viele Abteilungen wurden an die Postämter von Städten oder Dörfern angeschlossen statt wie bisher an die Kreise (Type 5 des Buches). Diese Reform führte zu interessanten Stempeltypen (in variabler Form und Grosse), die wir bis zum 2. Weltkrieg häufig finden.
Bei der Weiterentwicklung des bulgarischen Postwesens in den Jahren 1921 und 1942 wurde der Stempeltext
Abkürzung für "Dörfliche Post" mit Recht durch den Text
Abkürzung für "Zwischendörflich" ersetzt.
Beispiel:
Zwischendörfliche Post Bjala-Tscherkva.
Mit dem Postgesetz vom 1921 wurden viele weitere Postagenturen und öffentliche Fernsprecher in den Dörfern eingerichtet, was zur baldigen Öffnung von regulären Postämtern führte. Eine Anordnung von 1921, Artikel 190, besagte, dass die Leerung der Briefkästen vom Postagenten oder einem Bevollmächtigten vorzunehmen ist. Die Marken sollten mit dem Gemeindestempel entwertet werden. Nach einer weiteren Regelung von 1921 sollten Dörfer, die von den Dorfpostkurieren nicht versorgt werden, die anfallende Post ebenfalls mit den Gemeindestempeln versehen.
Anhand der Statistik von 1938 bekommen wir eine bessere Vorstellung von der Entwicklung der Dorfpost: In Dienst waren 413 Kuriere, die 413 Reviere wie folgt bedienen: 43 zu FUSS, 18 mit dem Fahrrad, und 352 mit Pferden oder Maultieren.
Die Dorfpost bediente 1577 Dörfer, wie folgt:
1429 Dörfer drei mal wöchentlich,
2 Dörfer 4 mal wöchentlich,
113 Dörfer sechs mal und
33 Dörfer sieben mal wöchentlich
1300 Dörfer und Ansiedlungen wurden in den Jahren nach 1895 von Postagenturen am Ort bedient.
Das Postaufkommen nahm stetig zu und die Dorfpost musste leistungsfähiger werden. Am 19. Juni 1942 trat eine neue "Post-Dienstvorschrift" in Kraft und wir lesen in Artikel 183, Punkt 3 folgendes (Wortlaut): "Die Grosse der Reviere (Abteilungen) wird durch die Entfernung der Dörfer zum nächstgelegenen Postamt bestimmt, sowie durch die Gegebenheiten des Geländes.
Die Grosse eines Reviers wurde so festgelegt, dass der Kurier täglich 30 bis 40 km Wegstrecke zurücklegt. In Ausnahmefällen werden Strecken bis 50 km zugelassen, wenn ein abgelegenes Dorf keinem anderen Kreis zugeordnet werden kann. Die kürzeste Strecke für einen Kurier ist 15 km pro Tag". Weiter Punkt 4: "Die Kuriere, die zu FUSS unterwegs sind bewegen sich mit einer Geschwindigkeit von minimal 3,5 km pro Stunde, alle anderen mit 5 km/h".
Mit der Zeit wurden in vielen Dörfern reguläre Postämter oder Postagenturen mit erweiterten Vollmachten eröffnet. Es kamen Postwagen zum Einsatz, sowie fahrende Postämter und Reisebusse. Nach und nach verlor die Dorfpost ihre Bedeutung. Die Dorfkuriere wurden entlassen. Das letzte Gesetz zur Regelung der Dorfpost wurde 1965 erlassen. Laut Artikel 108 dieses Gesetzes wird der Name "Dorf(post)bote" durch die Bezeichnung "Briefzusteller Aussendienst" ersetzt. 1967 finden wir die letzten Dorfpoststempel Bulgariens. Die Postgeschichte der Dorfpost umfasst einige hundert Poststempel, die im Besitz der Dorfpostkuriere waren und in den Dorfpostagenturen verwendet wurden.